Tanz auf Eierschalen
Natürlich hat sich, seit ich vor fünfzehn Jahren angefangen habe, am Theater zu arbeiten, einiges im Bezug auf Machtstrukturen verändert. Die lautstarken öffentlichen Diskurse der letzten wenigen Jahre um Machtmissbrauch und auch die damit verbundenen personellen Konsequenzen – wenn es denn welche gab – haben zu einem überlegteren Umgangston am Theater geführt. Es gibt kaum ein:e Intendant:in, die nicht gendert, eine höhere Sensibilität in Wortwahl und Machtverhalten wird an den Tag gelegt, Spielplan und Besetzungspolitik passen sich inhaltlich an aktuelle Strömungen an.
Die Probe ist kein geschützter Raum fürs Patriarchat mehr, sondern Fehlverhalten wird außerhalb davon bekannt gemacht, und das System, das so gut wie alles unter dem Deckmantel «künstlerischer Prozess» gebilligt hat, existiert nicht mehr. Sogar die Genie-Erzählung bröckelt langsam – na endlich. Aber!
Wenn wir tatsächlich die völlige Umwälzung alles Gewesenen wollen, dann braucht es dafür Menschen mit Leitungskompetenz und großer Kraft, die Strukturwandel voller Leidenschaft und aus einem inneren, nicht zu löschenden Feuer heraus vorantreiben. Ihnen muss Gestaltungsmöglichkeit gegeben werden. Menschen, die sich ...
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Theater heute Jahrbuch 2022
Rubrik: Transformation, Seite 86
von Christina Tscharyiski
Als ich im Jahr 2004 im Schauspielhaus Bochum in einen Lift auf den Weg nach oben Richtung Intendanz stieg, stand da ein Edding-Graffiti: «Don’t cry – work». Schon damals fand ich diese neoliberale Selbstausbeutungsdevise ziemlich strange und widerlich. Der Spruch passte perfekt in ein Haus mit brüllendem Intendantenchef, der später die Schauspielstudentinnen mit...
Endlich ist sie vorbei, die Zeit, in der Frauen «schön schöpfend und in der Erschöpfung schön» sein müssen. Martina Clavadetscher, die für ihren Roman «Die Erfindung des Ungehorsams» mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet wurde, entwirft in ihrem zweiteiligen Auftragswerk für das Schauspiel Bern «Bestien, wir Bestien» eine Welt in der Zukunft, in der Frauen...
«Kunst kommt von können und nicht von wollen, sonst müsste es ja Wunst heißen.» (Karl Valentin)
Seit einiger Zeit gibt es den Ruf nach Veränderung am Stadt- und Staatstheater. Hat sich etwas verändert, und wenn ja, was? Ja, es ist Bewegung im Spiel: Neue Ideen brechen auf, um verwirklicht zu werden. Nur, ist das NEU? Ja, es ist Bewegung im Spiel: Neue...
