Tanz auf Eierschalen
Natürlich hat sich, seit ich vor fünfzehn Jahren angefangen habe, am Theater zu arbeiten, einiges im Bezug auf Machtstrukturen verändert. Die lautstarken öffentlichen Diskurse der letzten wenigen Jahre um Machtmissbrauch und auch die damit verbundenen personellen Konsequenzen – wenn es denn welche gab – haben zu einem überlegteren Umgangston am Theater geführt. Es gibt kaum ein:e Intendant:in, die nicht gendert, eine höhere Sensibilität in Wortwahl und Machtverhalten wird an den Tag gelegt, Spielplan und Besetzungspolitik passen sich inhaltlich an aktuelle Strömungen an.
Die Probe ist kein geschützter Raum fürs Patriarchat mehr, sondern Fehlverhalten wird außerhalb davon bekannt gemacht, und das System, das so gut wie alles unter dem Deckmantel «künstlerischer Prozess» gebilligt hat, existiert nicht mehr. Sogar die Genie-Erzählung bröckelt langsam – na endlich. Aber!
Wenn wir tatsächlich die völlige Umwälzung alles Gewesenen wollen, dann braucht es dafür Menschen mit Leitungskompetenz und großer Kraft, die Strukturwandel voller Leidenschaft und aus einem inneren, nicht zu löschenden Feuer heraus vorantreiben. Ihnen muss Gestaltungsmöglichkeit gegeben werden. Menschen, die sich ...
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Theater heute Jahrbuch 2022
Rubrik: Transformation, Seite 86
von Christina Tscharyiski
Wenn das «Das neue Leben» ist? Große weite leere Bühne mit einer Art Schiedsrichterleiter und einem automatischen Klavier, die später von einem martialischen Lichtrührkreisel abgelöst wird? Ein paar demonstrativ verloren wirkende Schauspieler:innen spielen sich schüchtern bis verlegen einen Text zu, der von strikter Liebesverleugnung und Sublimationskunst handelt....
Die Nachricht, dass ich für «Theater heute» etwas schreiben soll, kommt mir sehr willkommen nach drei Tagen Kostümabgabe-Kampf mit den Italienern, die mich halb verstehen oder so tun, als ob sie mich nicht verstehen würden. Ich habe eine junge Assistentin dabei. Sie möchte Kostümdesign studieren. Ich frage sie, warum? Seit Kurzem habe ich meine übertriebene Sucht...
Mein 20-jähriges Ich schreibt in einer Bewerbung an die Studienstiftung des deutschen Volkes: «Ich hoffe, dass Theater politisch und gesellschaftlich wirken kann, weiß es aber nicht. Es geht nicht um eine perfekte Einzelleistung, sondern um das große Ganze, um das gemeinsame Ringen um Wahrheit. Dieses unendliche Bedürfnis, gemeinsam Grenzen zu verschieben.»
Desweg...
