Spiel mit tausend Masken
Lies Pauwels Stück über Sexarbeit «Love Boulevard» beginnt vielversprechend. Nach kurzer Einstimmung auf einen Abend, der weder «der Unterhaltung» noch «dem Trost» dienen soll (warum eigentlich nicht?), betritt Josefin Platt im roten Abendkleid die Seitenbühne des BE und hält einen Monolog über das Älterwerden mit einem Satz, der so schön ist, dass man ihn sich am liebsten tätowieren würde: «Ich glaube, ich liege unter lauten verliebten Blumen.
» Doch alles, was folgt, fällt dahinter zurück, was auch daran liegen mag, dass man sich bei der Zusammenarbeit von Schauspielerinnen und Sexarbeiter:innen, wie sie die belgische Regisseurin initiiert hat, mehr wahrhaftige Einblicke in eine Branche erhofft hat, die ja trotz aller Enttabuisierungsversuche immer noch schwer zu greifen ist. Doch stattdessen erlebt man in der zweistündigen Aufführung vor allem eine Aneinanderreihung hübsch bebilderter Klischees.
Der erzählerische Rahmen ist eine niedrigschwellige Nummernrevue, die beim Betreten eines Bordells beginnt und beim sexuellen Höhepunkt endet. Das Bühnenbild besteht aus einer Tribüne, einer Gogo-Stange und Stand -mikros. Die sieben Performer:innen geben die Dienstleisterinnen, das ...
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Theater heute Dezember 2023
Rubrik: Chronik, Seite 54
von Anna Fastabend
Guten Abend, willkommen, der Herbst: Rentrée!, wir springen gleich rein, head on, ins Thema: Familie und Gewalt
I THEMA
BARACKE, Familie und Gewalt, das ist das zentrale Thema dieses Stücks, ganz simpel und klar. Es zieht mich immer hin zu großen, einfachen Themen, die etwas Banales, fast Archaisches haben, RAVE: das Feiern, IRRE: der Wahnsinn, ABFALL für alle: das...
Alles halb so wild? Ist die deutsche Gesellschaft neuerdings gar nicht so gespalten wie oft behauptet? In der Nachkriegszeit noch als Zwiebel symbolisiert, mit dickem Mitte-Bauch und kleinen Enden oben und unten, ist seit den 1990er Jahren zunehmend von Polarisierung die Rede, von wachsenden Spaltungen unter sozialen und kulturellen Aspekten.
Steffen Mau und zwei...
Wer versammelt sich, wenn die Freie Szene der Darstellenden Künste Theater macht? Wer sind eigentlich die «People formerly known as audience»? Es sind «Bürger:innen, zahlende Gäste, Follower:innen, Applaudierende, Mitleidende, Co-Creator:innen, Co-Hosts, Audience, Teilnehmer:innen», zählen die zehn Lab-Kurator:innen in ihrer launigen Kollektiv-Rede auf. «Das...
