Schleuser Godot
Große Kunstwerke, meint der amerikanische Literaturwissenschafter Stephen Greenblatt, sind große Speicher «sozialer Energie». Mögen sie auch nach dem Ewigmenschlichen lugen und weitestmöglich die Spuren des Stofflichen an sich tilgen, so entstamme ihre tiefere Kraft doch den kollektiven historischen Erfahrungen, die man durch sie hindurch ersehen könne.
Wie ein Lehrbeispiel zu diesem Satz mutet die Beckett-Re-Lektüre an, mit der der französische Gymnasiallehrer Valentin Temkine vor gut einem Jahr auftrat.
«Warten auf Godot», so Temkines verblüffende Botschaft, spiele keineswegs im Nirwana des Absurden und der existenzialistischen Philosophie, sondern ganz konkret um 1943 im besetzten Frankreich. Die beiden als Juden anzusehenden Protagonisten warteten hier auf einen Schleuser namens Godot, der sie außer Landes schaffen solle. Pozzo begegne ihnen als Opportunist, der anscheinend mit der Besatzung kooperiert. Seine Erblindung im zweiten Akt? Ergebnis einer Attacke durch die Résistance.
Akribisch rekonstruiert Temkine die historischen und biographischen Bezüge, die «Warten auf Godot» als Zeugnis der Judenverfolgung lesen lassen. Beckett selbst hatte diese Bezüge bis zur Uraufführung ...
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