Raum des Mehr
Wir muten uns dem Planeten, der Natur, allen anderen Lebewesen so gnadenlos zu, dass ein persönlicher Verzicht eigentlich gar keine Kategorie mehr sein kann. Wir greifen nach immer mehr, wollen immer mehr Macht in allen Bereichen. Wir richten uns in immer höheren Ansprüchen ein, deren minimale Reduzierung uns dann schon als Opfer erscheint. Wirklicher Verzicht müsste eine vollkommen andere Lebensweise sein.
In Finegan Kruckemeyers großer Dys -topie – oder doch eben Utopie «Der lange Schlaf» wird die Menschheit ein Jahr lang komplett ruhig gestellt – wie ausgeschaltet.
Ohnmächtiger Schlaf, tatenlose Stille. Keine Ansprüche mehr, kein Greifen nach der Macht. Das Ende des Anthropozäns wird eindrucksvoll und dabei sehr poetisch imaginiert. Die Tiere, Pflanzen, Organismen holen sich die durch die sogenannte Zivilisation gequälten Räume zurück. Rost befällt die Stahlgerippe der Hochhäuser, Pflanzen erklettern Fassaden, das Wasser unterspült die Städte, und die Vögel sind überall. Die Spuren des Menschen sind überraschend schnell beseitigt. Wir machen einfach mal gar nichts mehr und nehmen unser monströses Ego zurück – das wäre vermutlich der angebrachte Ausdruck von Demut. Und im Grunde ...
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Theater heute Jahrbuch 2023
Rubrik: Verzicht, Seite 60
von Kathrin Mädler
Oh nein – ich bin zu spät dran. Ich wollte diesen Text am Erdüberlastungstag 2023 schreiben. Am «Earth Overshoot Day», wie er so schön heißt. Dem Tag, an dem alle verfügbaren natürlichen Ressourcen für ein ganzes Jahr aufgebraucht sind. Letztes Jahr – so erinnerte ich mich – fiel er in Deutschland auf Ende Juli; dass er sich 2023 auf Anfang Mai vorverschoben hat,...
Am Anfang sind die schönen Bilder. Bilder von paradiesischer Natur, von farbenprächtigen Korallenriffen, von Vögeln, die über den Palmen der Marshall -inseln kreisen. Die Dokumentarfilmerin Schattenmeier ist wütend über diese Bilder, die ihr von der KI gezeigt werden, denn die Inseln sind längst und endgültig im steigenden Meer verschwunden. Und der Blaufußtölpel...
Ein Lieblingssatz meiner Großmutter (Jahrgang 1923) war: «Besitz belastet.» Ein Gefühl, das jeder kennt, der in übervolle Kleiderschränke schaut oder sein Auto reparieren lassen muss. Freilich hatte meine Großmutter keine konsumkritische Haltung im Sinne, noch dachte sie an den gigantischen Ressourcenverbrauch im Dienste unserer heutigen Produktpaletten, die uns...
