Mythos und Geschichte
Was für eine Familie. Der Ur-Opa war ein mittlerer Massenmörder der SS und wurde beim Einmarsch der Roten Armee vor den Augen seiner Tochter auf Nimmerwiedersehen verschleppt, das Kind anschließend von einem Russen vergewaltigt. Lieblingssspruch der Mutter: «So etwas passiert in unserer Familie nicht.» Die Traumata aus dem Krieg lassen auch danach keine rechte Lebensfreude aufkommen. Enkel Frank wächst lieblos auf, seine einzige Freundin wird beim Indianerspiel an der Grenze erschossen. Urenkelin Franziska ist arbeitslos, tablettensüchtig und ritzt sich Hakenkreuze.
Die Oma, nach deren Begräbnis man sich versammelt, war familienweit als Tyrannin gefürchtet, Onkel Wolfgang ist immerhin sympathisch dement. Die erste zaghafte Wärmestrahlung kommt ganz zum Schluss auf, wenn sich Vater und Tochter bei einer Tasse Kaffee versöhnen, nachdem der Schauspieler-Papa seine Stasi-Mitarbeit gestanden hat.
Sören Hornung hat in schnellen Schnitten und unter Zuhilfenahme einer Erzählerfigur eine ostdeutsche Familiengeschichte von 1945 bis heute skizziert, voller Rückblenden, Geständnisse und vager Andeutungen. Abgerissene Sätze stehen im Wind der Zeitläufte, das Märchen vom bösen Wolf und den ...
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Theater heute Juli 2018
Rubrik: Aufführungen, Seite 15
von Franz Wille
«Kommen Se rinn, da können Se rauskieken.» – dieser traditionelle Jahrmarktsausruf ziert als Motto jenen Katalog, den Karl-Ernst Herrmann und Erich Wonder zu ihrer gemeinsamen Ausstellung «Inszenierte Räume» im Hamburger Kunstverein 1979 herausgegeben haben. Die lakonische wie verheißungsvolle Aufforderung ließe sich durchaus als eine witzige Weltformel für...
Das vierköpfige Maskenteam um Kerstin Wirrmann hat ganze Arbeit geleistet. Aus jedem der Gesichter von acht Schauspieler*innen des Leipziger Ensembles hat es ein in fast jeder Hinsicht bizarr überzeichnetes Alien-Antlitz herausmodelliert, achtmal verschieden und doch gleich: mit Silikonknete verstärkte Stirn-, Kinn- und Wangenpartie, grellrot geschminkte...
Die koitalen Bedingungen sind ausgesucht schlecht für Yerma und ihren Gatten Juan am Staatsschauspiel Dresden. Die Länge des Esstisches, an dem die Ehepartner – jeder an einer Stirnseite – ihre mühselige Beziehungsarbeit verrichten, liegt im gefühlten Kilometerbereich. Und selbst, wenn Deleila Piaskos Yerma in ihrem weißen Hängerchen doch mal einen...
