Mannheim: Akute myeloische Leukämie
Am Ende hat Benjamin die Krankheit zum Tode überwunden. Der kleine Bruder, wie der 23-jährige Akin E. Sipal den Protagonisten seines zweiten Stückes nennt, muss mit der Diagnose «Blutkrebs» leben, und er tut das, soweit man mit einer derart tückischen Krankheit überhaupt leben kann. Der in Gelsenkirchen und Istanbul aufgewachsene Sipal hat mit «Santa Monica» eine Studie des Überlebens geschrieben und legt Wert darauf, dass eine so niederschmetternde Diagnose zwar einen Körper meint, letztlich aber den gesamten Familienkörper betrifft.
Das System stellt sich neu auf und schwankt zwischen Hoffnungslosigkeit und Kampfbereitschaft.
Die Stärke des Stücktextes liegt in der genauen Figurenzeichnung. Sipal beschreibt die Auswirkungen der Diagnose auf die Mitglieder einer türkisch-deutschen Familie und belebt die nüchternen Fakten mit ironischen Sprachbildern. «Agent Orange im Trojanischen Pferd / Bald gehe ich in Flammen auf / und die Rückstände meiner Asche / könnt ihr dann ins Kaffeeepulver mischen» (Kleiner Bruder). Damit der Text nicht im engen Rahmen der Krankengeschichte verharrt, sind die Figuren mit der Welt vernetzt. Die richtige Diagnose «akute myeloische Leukämie» wird nicht in ...
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Theater heute Mai 2015
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Jürgen Berger
Alvis Hermanis mag die Menschen nicht, wie sie so vor ihm stehen. Er mag sie nur verfremdet. Über Umwege. Mit extremen Masken. Alt. Uralt. Zu diesem Schluss muss man jedenfalls kommen nach seinem «Kaspar Hauser» 2013 und seinen «Schönsten Sterbeszenen in der Geschichte der Oper» 2015 im Zürcher Schiffbau. Beim Hauser baute er Kinder in Greise um und hängte sie an...
Den Ausschlag könnte der «Kreidekreis» gegeben haben, den Armin Petras fürs Grips Theater in ein Krankenhaus verlegt hat und den erwachsene Schauspieler und Kinder gemeinsam spielten: als eine Parabel über klammernde Eltern und sich selbst ermächtigende Kinder. Bei einer Vorstellung im Februar, morgens um 11 Uhr, konnte man zwischen den Kinderscharen im Podewil,...
Um kernige Worte war Sewan Latchinian in den letzten Wochen nicht verlegen, wenn er auf die Theaterpolitik im Land Mecklenburg-Vorpommern und in der Hansestadt Rostock zu sprechen kam. «Unsinnig und asozial» nannte der Intendant in einer Ansprache vor der jüngsten «Mahagonny»-Premiere den Bürgerschaftsentscheid, das von ihm geführte Volkstheater um zwei Sparten zu...
