Berlin: Klosterfrau Tragödiengeist
Zu Beginn ein gut halbstündiges, aufwändiges Herumwirtschaften in düsteren Räumen. Offenbar handelt es sich um Nonnenalltag in einem Kloster: stumme Szenen mit Krankenpflege, Mittagessen, Arbeit im Salatbeet. Alles minutenweise aufblitzend, nur schemenhaft sichtbar hinter halbdurchsichtigem Vorhang, unterbrochen von großem Kulissen-Geschiebe und Gerenne der zahlreichen, auch bühnentechnisch aktiven Gläubigenschar. Was für ein Vorspiel: Die Schaubühne muss ein sehr reiches Theater sein.
Dann findet Mutter Oberin (Angela Winkler) unter dem lockeren Bettbein einer verstorbenen Mitschwester ein Buch, drückt es zu Tode erschrocken und weltlich ergriffen an die Brust und liest den Titel: «Ödipus!» Schon im nächsten Bild lesen wir mit: Im nun hellen leeren Raum erscheint die Tragödie ganz aus dem Geist der Klosterfrau.
Das Personal entspricht dabei ihrer täglichen Andacht: Es erscheint die heilige Familie in interessanter Rollenverteilung. Deutlich erhöht mit Segnungsgeste an der Rückwand Ursina Lardi als imperialer Jesus mit dem Text von Ödipus; im weiten Raum vor ihr erscheinen ein Petrus mit Schüssel als Kreon (Jule Böwe), eine huldreich hingegossene Jungfrau Maria als Jokaste (Iris ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2015
Rubrik: Chronik, Seite 53
von Franz Wille
Was wir noch wissen vom Krieg? Nichts. Was stellt er an mit den Menschen, die ihn durchleben? Keine Ahnung. Theatertexte, die im Gefolge der jugoslawischen Erbfolgekriege geschrieben und aufgeführt wurden, markierten womöglich die letzte halbwegs konkrete Verbindung mit Mord und Totschlag aus politisch-ideologischen Motiven. So fremd und fern ist der Krieg, dass...
TH Bei der letzten Sitzung der Theatertreffen-Jury kommt die Wahrheit auf den Tisch. Große Dramen, ästhetische Treueschwüre, umkämpfte Seitenwechsel, knappe Entscheidungen. Wie war es in diesem Jahr? Wie viele Stunden wurde gerungen?
Peter Laudenbach Die letzte Sitzung war erschreckend harmonisch.
Stephan Reuter Wir haben uns fast nicht gestritten.
Laudenbach Obwoh...
André Bücker neigt weder als Regisseur noch als Noch-Intendant des Anhaltischen Theaters Dessau zu übertriebener Raffinesse und subtilen Zwischentönen. Als im vergangenen Jahr der Konflikt mit dem Land Sachsen-Anhalt, das seine Theaterzuwendungen unter dem machtbewussten Kultusminister Stephan Dorgerloh systematisch reduziert, eskalierte, antwortete Bücker mit...
