Lizenz zum Stage diven
Bevor es richtig losgeht mit der vielstündigen Schlacht der Griechen, der Götter und des olympischem Gedonners, tritt der Schauspieler Nils Kahnwald in der Rolle des Schauspielers Nils Kahnwald an die Rampe der Münchner Kammerspielbühne. Wie ein Boxer trippelt er auf der Stelle und zeigt ein schmales Lächeln. Mit einer merkwürdig hellen, manchmal fast ins Schluchzen abrutschenden Stimme verkündet er: «Ich mag Menschen. Ich mag euch.» Ein paar Sekunden Pause. «In 365 Tagen seid ihr vielleicht schon tot.
» Das sei statistisch gesichert – mindestens zwei, vielleicht fünf der anwesenden Theaterzuschauer würden in den nächsten zwölf Monaten sterben. In zehn Jahren könnten schon fünfzig der Anwesenden tot sein. «An mich wird kaum jemand zurückdenken. In fünfzig Jahren ist die Erinnerung an mich eine Fußnote in einer Doktorarbeit, eine vergilbte Eintrittskarte in einem Schächtelchen auf dem Dachboden.» Kahnwald hebt den Blick und blinzelt in Richtung Scheinwerfer. «Und in hundert Jahren sind wir wirklich alle tot.»
Die Zuschauer wollen Party, doch der Conférencier redet vom Sterbenmüssen. «10 Stunden Antike» sind für die Theatershow «Dionysos Stadt» in den Kammerspielen versprochen, zum ...
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Theater heute Mai 2019
Rubrik: Akteure, Seite 4
von Wolfgang Höbel
An diesem Münchner Winterabend herrscht längst Nacht, als nach neuneinhalb Theaterstunden die Sonne aufgeht. Eben haben Maja Beckmann, Majd Feddah, Gro Swantje Kohlhof, Wiebke Mollenhauer, Peter Brombacher (dessen Rolle mittlerweile Jochen Noch übernommen hat) und Benjamin Radjapour auf Kothurnen und Kunstrasen Fußball gespielt, was eher nach paralympischem...
40 ist die Panikgrenze. Diese 40, in Worten «fourty», flammt weiß und drohend über der dunklen Bühne auf: Wer jetzt kein Kind hat, macht sich keines mehr, lautet der Subtext dieser harmlosen Ziffern, der Frauen bis heute eingeimpft wird. Das ist biologistisch und in Zeiten von «Social Freezing» nicht mehr ganz aktuell. Doch bei Casting-Agentin Anna hat es...
Es gibt wenige zeitgenössische Texte, deren Theatertauglichkeit so wenig augenfällig ist wie Maggie Nelsons «Bluets»: ein schmaler, 2009 erschienener Band, der auf 100 Seiten 240 Prosaminiaturen versammelt, die man als Liebeserklärung an die Farbe Blau lesen kann, mal zögernd, mal drängend, immer mäandernd, tastend. Ein schöner, kluger, streckenweise brüllend...
