Bürgerbühne: Die Ruhe vor dem Tod

Karen Breece erforscht in «don’t forget to die», wie das Sterben das Leben beflügelt.

Theater heute

Wieder am 20., 22., 23. April in München

Es gibt sie noch, selbst in unserer über­informierten und ausdiskutierten Welt, Themen, die jeden einzelnen betreffen und über die doch beharrlich geschwiegen wird. Und wenn sich jemand daran macht, mit behutsamer Neugier nachzufragen, wie die deutsch-amerikanische Theatermacherin Karen Breece in ihrer jüngsten Theaterproduktion «don’t forget to die», dann liegt in den Standing Ovations, die sie im Münchner Theater HochX erntet, auch so etwas wie Erleichterung, als wenn endlich ein Bann gebrochen wäre.



«Exist» steht da in weißer Schrift auf einem kleinen roten Leuchtkasten an der luftigen Fensterwand, die Eva Veronica Born im Hintergrund der Bühne gebaut hat. Normalerweise würde da «Exit» stehen, und eigentlich beschäftigt sich das Projekt gerade auch mit dem Exit(us), dem letzten Gang, der jedem bevorsteht und denen, die sich hier live auf der Bühne befinden, womöglich in nicht allzu ferner Zukunft. Zwischen 73 und 93 Jahre sind die fünf Mitwirkenden alt, die nach und nach gemütlich auf einer weißen Parkbank Platz nehmen, als bräuchten sie auf einem Spaziergang nur mal eine kurze Pause. Doch gleichzeitig geht es auch um das, was jetzt (noch) existiert, das Leben, hier und heute, im langsam schrumpfenden Radius. «Was bedeutet eigentlich Zukunft, wenn man so alt ist?», fragt Ursula Werner in die Runde, sowohl die Jüngste als auch die einzige professionelle Schauspielerin im Team. «Es geht um das Erreichen des Täglichen», antwortet Uta Maaß, 89. «Aber da muss doch noch was kommen …?!», hakt Werner nach. Aber Maaß widerspricht, fröhlich und bestimmt: «Nö.»

«Ich wurde gelebt»


Gelebtes Leben ist etwas, das sich nicht simulieren lässt, und das Alter war für Breece, die sich viel mit realen Biografien beschäftigt, natürlich ein entscheidendes Kriterium bei der Auswahl ihrer Protagonisten. Dabei sind allerdings fünf hochpräsente Persönlichkeiten zusammengekommen, deren Besonderheit sich keinesfalls auf den Jahrgang reduzieren lässt. Zunächst einmal zeichnet es sie aus, sich bereit erklärt zu haben, unverblümt und in aller Öffentlichkeit über ein so intimes Thema wie den eigenen Tod zu sprechen und auf jeweils individuelle Art Fragen dazu zu beantworten, die man sich den eigenen Eltern oft nicht zu stellen traut. Und dann ist es das, was sie mitbringen, zum Teil sehr spezielle Erlebnisse, die dem Tod schon früh ganz unterschiedliche Gesichter gegeben haben, junge im Fall von Rosemarie Leidenfrost, die während des Zweiten Weltkriegs als Krankenschwester im Einsatz war, oder die Erinnerung an einen verpassten Abschied, wie bei Uta Maaß, deren Vater 1944 als Mitglied der Widerstandsbewegung 20. Juli hingerichtet wurde und die später 40 Jahre lang ehrenamtlich krebskranke Kinder in einem Mün­chner Krankenhaus begleitete. Manchmal springt Ursula Werner als Sprecherin ein, um ein wenig Abstand zu schaffen, aber auch sie hält ihre eige­ne Vision von einer letzten Reise ins ewige Eis nicht zurück.

Theater ist für Breece in erster Linie eine spezielle Form, Fragen zu stellen, etwas zur Sprache, ins Spiel oder auch nur ins Bewusstsein zu bringen, von dem man sich sonst keine genaue Vorstellung macht. Ein Auslöser für die aktuelle Produktion war der Satz «Ich wurde gelebt», den die über hundertjährige Marylka Bender 2013 bei der Vorbereitung zu Breeces vorherigem Theaterprojekt «Was wir liebten» über Lebensgefühle im Alter geprägt hat. «Dieser Satz ist bei mir hängengeblieben», sagt Breece, «und na­türlich kommt man dann sehr schnell auch auf die Frage, welche Rolle der Tod dabei spielt.» Während der Arbeit an anderen Produktionen – «Dachau // Prozesse», eine Rekonstruktion der Gerichtsverhandlung gegen Konzentrations­lagerverbrecher am Originalschauplatz der ehemaligen SS-Garnison, und «Welcome to Paradise» über den behördlichen Umgang mit Asylbewerbern – reifte die Idee. Ein Jahr lang führte Breece daraufhin Gespräche über das Sterben, mit alten Menschen, aber auch mit Hebammen, Sterbebegleitern, einer Krankenschwester, einem Pfarrer, die sich teils über persönliche Kontakte, teils über einen Aushang in Altenheimen bei ihr gemeldet hatten. «Der Tod ist im Grunde nichts weiter als ein Narrativ», hat sie dabei erfahren. «Jeder erzählt seine eigene Geschichte davon.»

Dass diese Geschichten mitunter auch ganz leicht daherkommen können, dazu tragen mit beschwingter Grandezza die blinde Pianistin Livia Hofmann-Buoni und der fröhliche Musik-Amateur Christof Ranke bei, die beide mit 79 noch viel vorhaben und sich dabei vom Tod nicht aus der Ruhe bringen lassen.


Theater heute April 2017
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Silvia Stammen

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