Kann man sich beherrschen?

Katzen, Maulwürfe, deutsches WLAN oder Stadttheater – alles Trigger, meint Florian Loycke

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Was hat mich getriggert …? Mmmhh … also getriggert, das ist ja, wenn wohlerzogene, etablierte Männer aus Autos steigen und … Und sich plötzlich wie wahnsinnige Halbstarke beleidigen. Wenn Fahrradfahrer Autofahrern durchs offene Fenster Morddrohungen zurufen. Wenn jemand in einer Wartetraube in einem Handystore eine Panikattacke bekommt, weil die Servicekraft privat telefoniert und mit dem Krankenwagen abgeholt werden muss und so weiter.

Es geht um Kontrollverlust, um überdimensionierte Reaktionen, die oft nicht zu der reflektierten, sympathischen Person passen, die sich selbst nicht wiedererkennt. Es geht aber auch um Fragilität. Von außen kann es komisch aussehen, wenn jemand ausflippt, aber innen ist gar kein Platz für Humor. Ich versuche mal, den Triggern des vergangenen Jahres auf die Spur zu kommen. Und mich dabei langsam zum Zentrum vorzuarbeiten.

Der Nachbarhund von meiner Mutter wurde von meinen mitgebrachten Besuchkatzen getriggert, so dass er laut seinem auch sehr vulnerablen Besitzer Herrn Fröhlich nachts nicht schlafen konnte. Auch Herr Fröhlich konnte nachts nicht schlafen, da er mit dem Hund gemeinsam in einem Raum im Erdgeschoss liegt. Seine Frau bewohnt den ersten Stock. Ob ich die Katzen jetzt bei meiner Mutter abladen wolle, entfuhr es ihm mit schwerem Atem und dunkelrotem Gesicht. Ich machte mir etwas Sorgen um sein Herz. Er ist ein großer Mann, der schon sehr von den Coronaregeln getriggert wurde. Er trägt schlammfarbene Tarnhosen, wenn er zur festen Uhrzeit durch das Wäldchen wandert mit Hund Eddie. Meine sehr kleine Katze wurde allerdings auch sehr von dem Hund Eddie getriggert – ich habe selten einen körperlichen Ausdruck von Hass gesehen wie bei ihr, als sie sich auf dem Dach des Gartenschuppens in einem unmöglichen Winkel verbarg, während sie auf den unter ihr schwanzwedelnden Hund Eddie herunterfauchte. Sie war vollkommen erstarrt. Eddie winselte qualvoll und wollte spielen. Also der Trigger muss nicht matchen. Es gibt auch ein Trigger-Missverständnis. Oft scheint der Trigger diametral zur Persönlichkeit.

Meine Mutter wurde von den Maul - würfen in ihrem Garten getriggert, und die tierliebe Frau rückte den unter Naturschutz stehenden Sympathieträgern mit Gas und Flutungsversuchen auf den Leib.

Meine Freundin (die einen deutschen weißen Freund hat) wurde das ganze letzte Jahr von deutschen weißen Männern auf Fahrrädern getriggert. Jetzt fährt sie weniger Rad, und die Konflikte, die bis zu juristischer Strafverfolgung reichten, nahmen stark ab. Jetzt wird sie von den deutschen Behörden getriggert – besonders vom digitalen Service der deutschen Behörden. Als Schwedin konnte sie nicht begreifen, warum es eigentlich keinen digitalen Service gibt.

Rants, also Wutreden, können eine andere Ausdrucksform dieser Trigger sein – wenn ich den Triggerbegriff richtig verstehe. Manchmal weiß man schon, welche Bemerkung eine solche Wutrede bei jemandem provozieren kann. Man reagiert also wie der pawlowsche Hund auf irgendeine Art von Reiz. Bei meiner Mutter Maulwurf, bei Herrn Fröhlich Katzen. Bei meiner Freundin German WLAN. Bei mir waren es im letzten Jahr vielleicht die Selbstbeschreibungen und Selbstvergewisserungen des etablierten Theaterbetriebs, zu dem wir bzw. meine Gruppe, das Helmi Puppentheater aus Berlin, ja auch oft gezählt werden, aber wo wir meistens dann doch ehrenvoll eine Art Außenseiterrolle einnehmen, die mich triggert. Zum Beispiel, wenn erfolgreiche Freund:innen genüsslich ihre Preise posteten oder die guten Kritiken oder ihren Applaus. («Zehn Minuten Standing ovations! Ich danke dem wunderbaren Team!»)

Da kam es zu unkontrol -lierten Ausrufen vor dem Screen. Wenn dann die Kritiken auch noch mit Worthülsen um sich warfen, um die Originalität des Werkes zu preisen, wurde es nicht besser.

Unsere Auftragslage war schwierig. Viele Festivals hatten die Leitung gewechselt, und die neuen Kurator:innen wollten auch neue Gäste einladen. Und die Gäste feierten das natürlich online. Als dann eine sehr existenzielle Förderung wegbrach, bekam der Begriff Trigger nochmal eine andere Dimension! Es war quasi die maximale Zuspitzung des Stress- und Gereiztheitstriggers, der zum Tantrum führt. Wutanfall! Verzweiflung! Heulanfall! Irgendwann bleibt nur der Abschied.

Drei Monate später wundert man sich dann über dieses Drama. Sechs Monate später ist man schon in einem anderen Leben und redet wie ein vernünftiger Politiker souverän über strukturelle Probleme. Das ist eben die Challenge der freien Gruppe etc. … Jaja. Klar. Ja, soll man sich beherrschen, wie es einem alle raten? Anstatt sich unwürdig aufzuführen? Kann man sich beherrschen? Wenn man sich beherrschen könnte, wäre es ja kein Trigger.

Ja, die Triggerreaktion ist ja auch sehr sehr überzeugt von sich! Kein Zweifel!

FLORIAN LOYCKE studierte Theaterwissenschaft in Berlin und Erlangen und ist Gründungsmitglied der Berliner freien Theatergruppe Das Helmi. Am Theater Regensburg inszenierte er in der letzten Spielzeit «Die Verwandlung» nach Franz Kafka.


Theater heute Jahrbuch 2024
Rubrik: Ärgernisse, Seite 103
von Florian Loycke

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