Im Zweifel für den Angeklagten

So viel Intendant war bei den Wiener Festwochen noch nie: Milo Rau zettelte eine Revolution an, gründete eine Republik und stellte sich selbst vor Gericht. Auch das Theaterprogramm hatte einiges zu bieten

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Das fing ja gut an: Kaum hatte Milo Rau sein Amt als Intendant der Wiener Festwochen angetreten, wurde auch schon Anklage gegen ihn erhoben. Grund: Förderungsmissbrauch. Im Prozess gegen Rau zitiert der Staatsanwalt in seiner Anklagerede aus einer parlamentarischen Anfrage des FPÖ-Politikers Christian Hafenecker, in der dieser wissen möchte, was daran förderwürdig sei, «wenn Linksextreme unter dem Deckmantel der Kunst Politik betreiben».

Ganz aus der Luft gegriffen ist das Verfahren also nicht, aber natürlich ist auch der Prozess gegen Rau letztlich nur Theater.

Der Schweizer Regisseur hat bei den Festwochen sein schon mehrfach erprobtes Modell des kuratierten Strafprozesses zum Einsatz gebracht. Nach den «Moskauer Prozessen» (über Zensur in Russland) und den «Zürcher Prozessen» (über den Rechtsruck der «Weltwoche», beide 2013) und dem «Kongo Tribunal» (über die ungesühnten Verbrechen des Kongokriegs, 2015) gingen im Wiener Odeon nun also die «Wiener Prozesse» über die Bühne.

Angesetzt waren drei Verfahren, die jeweils ein Wochenende und insgesamt rund 40 Stunden lang dauerten. Im ersten («Die verwundete Gesellschaft») standen die Corona-Maßnahmen der Regierung auf dem Prüfstand; ...

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Theater heute August/September 2024
Rubrik: Festivals, Seite 6
von Wolfgang Kralicek

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