Foto: JU

Glückliche Tage in Philippsburg

Das Staatsschauspiel Stuttgart entdeckt den Tschechow in Walser und den Walser in Beckett

Theater heute - Logo

Am 29. Mai, 12. und 25. Juni 2017 wieder in Stuttgart: Stephan Kimmigs Anverwandlung von Martin Walsers «Ehen in Philippsburg».

Auf der Liste der besten Tschechow-Figuren, die nicht von Tschechow sind, dürfte der Frauenarzt Dr. Benrath ziemlich weit oben rangieren.

Gespielt von Felix Klare steht er auf der Bühne, ein schlanker, großer Kerl mit schickem Bärtchen, und fixiert mit entschlossen zusammengekniffenen Augen seine selbstrechtfertigende Argumentationskette: Ja, er sei seiner Frau untreu, werde aber jedesmal bei der Rückkehr von seiner Geliebten noch nervös, was beweise, dass er im Grunde doch kein schlechter Kerl sei: «Dass ich heute ein so schlechtes Gewissen habe wie eh und je, das beruhigt mich fast.»

Später, auf einer Party, küsst er seine fragile Gattin (Verena Wilhelm) zwar öffentlich, drückt sich dann aber heimlich mit seiner Geliebten Cécile (Svenja Liesau) vor der Tür herum und begleitet deren Hantieren in seiner Hose mit einem Redeschwall des Inhalts, er verabscheue die lächerlichen Männchen, die eine Affäre hätten, wohl wissend, dass er selbst so eines sei – und weiß, nach seiner diskreten Ejakulation, auf Céciles Frage «Was sollen wir jetzt tun?» nichts mehr zu sagen. Am Ende bringt sich seine vernachlässigte Frau um – worauf Cécile ihn verlässt und er ihr hinterherjammert: «Du bist ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2017
Rubrik: Aufführungen, Seite 46
von Andreas Jüttner

Weitere Beiträge
Kriterien und Quoten

Wer schon einmal in einer Jury saß, der weiß, dass es das klare, unschuldige, ausschließlich auf Qualitätskriterien beruhende Urteil nicht gibt. Der weiß, dass ein Urteil immer auch heißt, gut eingespielte Kriterien zu hinterfragen: Ist der eigene Kompass noch korrekt? Steht einem Geschmäcklerisches im Weg, persönliche Vorlieben, Erfahrungen? Ist man womöglich...

Linz: Ba-Ba-Bank­überfall

«Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?», heißt es in der «Dreigroschenoper». Die Bawag kann Brecht damit nicht gemeint haben. Sie wurde 1922 – unter dem Namen Arbeiterbank – als eine Art antikapitalistisches Geldinstitut gegründet, ohne private Aktio­näre und nicht profitorientiert. Nach dem Krieg wurde die Arbeiterbank vom...

Dortmund/Köln: Abbau überall

Was ist Donald Trump? Ein Performer? Der amerikanische Monologist Mike Daisey jedenfalls sieht eine Verwandtschaft zwischen sich als Performer und dem amerikanischen Präsidenten. Deshalb hat er schon zu Trumps Kandidatenzeit einen Text geschrieben, der seine Recherche-Ergebnisse über Biografie und Umfeld Trumps zusammenfasst. Das Dortmunder Schauspiel hat schnell...