Feministische Umarmung

Kathrin Mädler, die neue Intendantin am Theater Oberhausen, sucht eine tiefe Beziehung zu einer spröden Stadt

Theater heute - Logo

Aus diesem Grab, das ihr Leben ist, kommt Marie nicht mehr heraus. Anfangs lässt sie den Grubensand noch sanft durch die Finger rieseln. Dann versucht sie, sich an den Wänden hochzuziehen, immer wieder, doch der Staub hat sie glatt und unüberwindlich gemacht. Nur Woyzeck schafft es aus dem Erdloch (Bühne Julia Nussbaumer) zum klinisch weißen Haus hinauf, neonkalt knallt das Licht aus den kahlen Fenstern. Die Ärztin, der Hauptmann, der Major schnellen heraus, zuckender Techno bombardiert Woyzeck mit Vorstellungen, neoliberalen Zwängen, Unerreichbarkeit.

Nur bei Marie, da unten, hat Woyzeck, der Underdog, die Macht: Er bedrängt sie, stalkt sie, bestraft und beherrscht sie – bis er sie schließlich brutal ermordet: ein weiterer Femizid in dieser Welt.

Immer wieder lesen die da oben fast beiläufig aus dem medizinischen Gutachten des historischen Johann Christian Woyzeck von 1874 vor. Ein notorischer Gewalttäter und Frauenmisshandler war er, Marie konnte dem weiblichen Käfig aus Kind und Klischee nicht entkommen. Nur gut, dass sie sich, gespielt von Simin Soroya, nach ihrem Tod doch noch einmal erhebt, das letzte Wort hat, während Woyzeck als erstarrter irdischer Schatten verdunkelt: ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2023
Rubrik: Start Oberhausen, Seite 50
von

Weitere Beiträge
Mit dem Fremden aufs Eigene blicken

Am 23. April dieses Jahres ist der Berliner Theaterwissenschaftler Joachim Fiebach im Alter von 88 Jahren gestorben. Von 1995 bis 1998 habe ich bei ihm studiert, danach haben sich unsere Wege nur noch sporadisch gekreuzt. Angesichts seiner mehr als ein halbes Jahrhundert umspannenden akademischen Karriere und einer noch viel länger währenden Beschäftigung mit dem...

Das Recht des Schwächeren

Verhörraum oder Orakel? – An beides denkt man bei der seltsamen achteckigen Zelle, die Theresa Scheitzenhammer für Ayse Güvendirens jüngste Regiearbeit in den Werkraum gestellt hat, mit einem Boden aus Luftschachtgitter und vier Wandteilen, die auch als Projektionsfläche dienen, darüber ein Fries mit rot leuchtender Handschrift, die mal «sagen sie» und mal «sag...

Im Mythenwald

Die Stoffwahl war ein Herzenswunsch: Die Spieler:innen des Zürcher Theaters Hora mit kognitiver Beeinträchtigung, kurz Horas, wollten «Herr der Ringe». So geschah’s, in buntester Pracht. Zu bedauern bleibt einzig, dass das so gute wie echte Hobbit-Fan-Schwert mit scharfer Schneide auf der Theaterbühne nicht erlaubt ist. Stattdessen nur unphallischer Wackelpudding.

...