Fatale Muster
Anna ist auf der Flucht, in doppelter Hinsicht: im «Herkunftsland» politisch verfolgt, am aktuellen «Aufenthaltsort» vom Ehemann gestalkt. «Wenn der mich findet», sagt Anna, «der macht mich tot.» Ronja wiederum, gerade achtzehn geworden, soll gegen ihren Willen heiraten – einen Cousin. Der innerfamiliäre Druck wird mit Erniedrigungsschrumpfsätzen à la «Wer will dich überhaupt noch, in deinem Alter war ich längst» verstärkt.
Melanie schließlich – Akademikerin und einst «Geschäftsfrau des Jahres» – sucht mit Verbrennungen zweiten Grades medizinische Hilfe in einer Praxis, die für den Küchen-Unfall, den sie als Ursache angibt, verräterisch weit vom Wohnort entfernt liegt. Den mit der Haut verschmolzenen Blusenstoff, den die Ärztin von der Brandwunde abzieht, verortet sie im vierstelligen Preissegment.
Sechs Frauen, die regelmäßig häusliche Gewalt erfahren und Zuflucht in einem Frauenhaus gefunden haben, stehen im Zentrum von Felicia Zellers neuem Stück «Antrag auf größtmögliche Entfernung von Gewalt». Der Text ist auf der Grundlage von Interviews entstanden und tritt – abgesehen von vielen anderen Qualitäten – zunächst einmal einem grassie -renden Stereotyp entgegen. «Viele denken, ...
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Theater heute August-September 2023
Rubrik: Das Stück, Seite 50
von Christine Wahl
Am besten hat die Exilerfahrung wohl die aus Uganda geflohene Aktivistin und Lyrikerin Stella Nyanzi auf den Punkt gebracht, in einem ihrer mitreißenden, in Deutschland entstandenen Gedichte: «Exil, das ist ein Ort zum Atmen: ah und uh.» Ein leicht befreiendes Ah und ein leicht schmerzliches Uh. Gemischtes Gefühl also. Im Exil verliebt sich ihre Tochter in...
Fünf Tage lang ging es um jahrhundertealte Schuld genauso wie um die «Letzte Generation», um Queerness und um unumstößliche Männlichkeitsbilder, um die unendliche Liebe und um Gustaf Gründgens. Bei Gründgens dann allerdings weniger um die unendliche Liebe als um dessen stromlinienförmiges Verhalten während der NS-Zeit. Es ging um Herkunft und fremde Sprachen,...
Tove Ditlevsen war 50 Jahre alt, als die ersten Erinnerungsbände ihrer «Kopenhagen»-Trilogie erschienen. Zehn Jahre später, 1977, nahm sich die dänische Autorin mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben. Schon früher, erzählt sie in Band drei, «Abhängigkeit», haben Medikamente eine fatale Rolle in ihrem Leben gespielt: Nach zwei relativ kurzen Ehen mit dem...
