Foto. David Baltzer

Eine Stadt versteht sich selbst

Über das Ende der Ära Castorf an der Berliner Volksbühne ist schon viel geschrieben und noch mehr gestritten worden. Seit zwei Jahren feiert das Theater einen trotzig-frenetischen Dauerabschied und spaltet kämpferisch die Theater­republik: Wird hier ein epochemachendes Experiment gewaltsam von einer inzwischen abgewählten Berliner Kulturpoltik beendet, oder gehört Veränderung zum Stadttheater? Wird ein einmaliges Team zerrissen und durch vage Kuratorenverspre­chun­gen ersetzt? Oder braucht die Stadt wieder neue künstlerische Öffnungen und Impulse? Die große Mehrheit der Kritikerumfrage hat sich für einen triumphales Good-bye entschieden. Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz ist mit weitem Abstand das Theater des Jahres! Aber dieses Theater des Jahres wird schon in der nächsten Saison Geschichte sein. Diedrich Diederichsen zeichnet nach, wie eine Bühne 25 Jahre lang im Nachwende-Berlin immer wieder das Gefühl vermitteln konnte, die Nase vorn zu haben: Wenn die kleinbürgerlichen Utopien erstmal erledigt sind, kann man umso schöner und freier hoffen!

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In den frühen 1990er Jahren gab es alle möglichen Kandidaten für die übergreifende kulturelle Formulierung der neuen Berliner Situation. Techno-Musik und das Veranstaltungsformat des Raves etwa brachten ein völlig neues Ausgehen hervor: endlos lange Nächte, deren Attraktion nicht mehr auftretende Stars, Könner, Performer und Subjekte waren, sondern die Tanzenden selbst.

Repetitive elektronische Musik – das war neu –, und zugleich war es in seiner Neuheit integrativ: Ost- und Westjugendliche konnten hier voraussetzungslos gemeinsam neu beginnen und es in jeder Hinsicht schön übertreiben. Oder die legendären, nunmehr legalen alten Widerstandsnester des Ostens rund um den noch komplett ungentrifizierten, schwabenfreien Prenzlauer Berg mit Wortführern wie Bert Papenfuß-Gorek.

Für den Westen war dieses Personal ebenfalls brandneu, zugleich konnte man es entziffern, weil es dem wohlvertrauten ewigen Beatnik-Anarchismus glich – aber mit ganz anderen Widerstands- und Dissidenz-Erfahrungen. Oder die sehr flink von Westeinwanderern übernommenen Off- und bald nicht mehr so Off-Spaces wie die Kunstwerke in der Auguststraße. Klaus Biesenbach stellte direkte Connections nach New York her, der ...

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Theater heute Jahrbuch 2017
Rubrik: Der Abschied des Jahres, Seite 102
von Diedrich Diederichsen

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