Ein Bombenfund

Noah Willumsen gräbt aus den Archiven viel Bekanntes und Unbekanntes zu Brecht aus. Darunter findet sich auch eine zu ihrer Zeit nicht gezündete Bombe: die Keimzelle der Arbeit Heiner Müllers

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Manchmal freilich brach es aus ihm heraus: «Ich hasse sie», begrüßte er dann einen der ihn besuchenden Journalisten. Oder er begründete akribisch, warum er dafür sei, George Orwell für dessen «1984» zu töten – fünf Jahre nach dessen natürlichem Tod. Oder er trickste die zahlreichen Kritiker, die ihm im Hotel in Mailand auflauerten, aus, ließ sich unter Hinweis auf seine Herzkrankheit entschuldigen und brach mit Frau und Tochter durch die Hintertür zum einsamen Spaziergang durch das verschneite Mailand auf.

Meistens aber erschien er den Wenigen, die nach seiner Rückkehr aus dem Exil zu ihm vorgelassen wurden, so wie sein Galilei den Bewachern, die ihn nach seiner Abbitte bespitzelten: Als eine Art von «Wanderbruder» oder «Mönch» einer «Sekte», unauffällig gekleidet in seiner achtlos wirkenden grauen «Litewka», schüchtern, wortkarg, ein Gesprächspartner, dem man Äußerungen, die zitierfähig waren, geradezu aus der Nase ziehen, entreißen musste.

Kein Zweifel: Bertolt Brecht, der berühmte Lyriker, Theaterrevolutionär, «Stückeschreiber», Theoretiker, Essayist und Romanautor, der in den Gesprächen seiner Jugend als Provokateur, Heißsporn und gewitzter Dialektiker glänzte, war als älterer ...

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Theater heute August-September 2023
Rubrik: Theatergeschichte, Seite 42
von Nikolaus Müller-Schöll

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