Durchlässig fürs Gegenwärtige
Da sitzt sie an der Rampe, die elegante Abendgesellschaft, die Damen in hellen, paillettenglitzernden Kleidern, die Herren im Frack – und erzählen von dieser Nacht, die alles ändern sollte. Einem von ihnen fallen derweil immer wieder die Augen zu, das Kinn auf die Brust, und dann kippt er auf den Schoß seines Sitznachbarn, nur um sich gleich wieder verdattert aufzurappeln, sich zu entschuldigen, wieder hinzusetzen – und erneut einzunicken, umzustürzen, die Erzählung der anderen zu unterbrechen.
Ein Slapstick, der dennoch nicht zum Lachen verführt, sondern eher eine tragische Figur markiert, ihr Entgleiten in eine Welt zwischen Wachen und Träumen, die manche Ungeheuer gebiert.
Christoph Pütthoff spielt diesen Keatonesken, so unterhaltsamen wie aufsässigen Störenfried, der wenig später frei assoziierend Worte wie «Anziehung», «Zärtlichkeit» und «Abenteuer» in den Raum wirft. Plötzlich aufsteht, erst in Schreien, dann in Weinen ausbricht – als ginge es darum, gleich am Anfang des Abends die ganze emotionale Palette, die das Publikum in dieser «Traumnovelle» (Regie Sebastian Hartmann, TH 05/23) erwartet, gewissermaßen fast forward vorwegzunehmen: Lust, Wut, Trauer.
Seit der Spielzeit ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juli 2023
Rubrik: Akteure, Seite 40
von Esther Boldt
Die Schauspielerin in der Mitte des Platzes vor dem ehemaligen Kino der US-Streitkräfte wurde wohl direkt von einem Schlachtfeld des American War of Independence eingeflogen. Dass sie unzufrieden ist und inmitten einer Traube von Zuschauer:innen mit ihrem Job hadert, könnte damit zusammenhängen, dass sie wie einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten gekleidet...
Mit Helmut Berger, der nur kurz vor seinem 79. Geburtstag in Salzburg gestorben ist, hatte ich vor etlichen Jahren einmal einen Abend und eine halbe Nacht verbracht. Nicht allein. Vielmehr mit einer unverhofften, alsbald unheimlichen Gesellschaft – im Schatten, im Zwielicht der italienischen Mafia. Davon später noch. Merkwürdig. Man stellt sich den einstigen...
Drei Jahre hat es gedauert, eine Pan - demie und einen brasilianischen Machtwechsel inklusive, bis zu Milo Raus letzter Premiere im NTGent. Und dann stieg ausgerechnet drei Tage vorher unerwartet die Hauptdarstellerin und Aktivistin Kay Sara aus, flog zurück in den Amazonas, weg von der Kunstanstrengung Theater, zurück zu ihren Leuten, ihrem eigentlichen Kampf –...
