Die Rückkehr der vierten Wand

Konzept oder Konvention? Alvis Hermanis taucht am Wiener Akademietheater in die Untiefen von Tracy Letts’ «Eine Familie» – und schickt Barbara Nüsse und André Jung in das Fastechtzeitspiel zweier Erzählungen von Isaac B. Singer

Theater heute - Logo

Der Schriftsteller und Alkoholiker Beverly Weston ordnet letzte Dinge. Bei Michael König schaukelt er dazu behaglich ein gut gefülltes Whiskyglas in den Händen, umschreitet mehrfach den zerschlissenen Ledersessel vor dem Kamin und wirft noch einen kopfschüttelnden Blick auf zwei, drei Manuskriptblätter, bevor er sie versonnen den Flammen opfert. Der jungen Indianerin Johnna, die er einstellen will, damit sie künftig den Haushalt führt, eröffnet er heiser orakelnd mit T. S. Eliot: «Das Leben ist sehr lang.

» Eine Szene später schon ist der Hausherr verschwunden, und die erwachsenen Töchter und ihre Familien versammeln sich im Elternhaus, um ihrer verlassenen Mutter Violet beizustehen. Die schlimmsten Befürchtungen werden wahr: Beverly hat sich das Leben genommen.
 

Berechenbare Überraschungen

Tracy Letts’ pulitzerpreisgekrönter Broadwayerfolg «August: Osage County», auf Deutsch meist übersetzt mit «Eine Familie», ist nun auch an der Wiener Burg und bei Alvis Hermanis angekommen. Ende 2008 hatte Burkhard C. Kos­miniski in Mannheim die deutschsprachige Erstaufführung inszeniert; in dieser Spielzeit steht das Familiendrama gleich an mehreren Häusern auf dem Programm. Denn Letts Stück ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2010
Rubrik: Aufführungen, Seite 24
von Eva Behrendt

Vergriffen
Weitere Beiträge
Ein Shakespeare voller Narren

Die Renaissance, wie sie singt und lacht, mordet und hurt: Im Florenz des Jahres 1537 ist mit dem jungen Alessandro de’ Medici ein brutaler, genusssüchtiger Fürst an der Macht, vor dem keine Party und keine Jungfrau sicher ist. Sein Cousin Lorenzo, genannt Lorenzaccio, ist sein engster Vertrauter – und sein Mörder. Soweit der historische Hintergrund eines Stücks,...

An der Wand

An was ich mich an meisten erinnere, wenn wir «Onkel Wanja» spielen, das sind die Wiederaufnahmeproben vor genau einem Jahr im Haus der Berliner Festspiele. Über ein halbes Jahr hatten wir das Stück nicht gespielt, Gosch hatte gerade «Die Möwe» herausgebracht, und sein Gesundheits­zustand war deutlich schlechter geworden. Mein Respekt, wieder vor seinen Augen zu...

Regiearbeit

Die Legende erzählt, dass die ersten Dramaturgen ihre Büros in vergessenen Dachzimmern hatten. Wenn jemand im Theater mal eine Frage zum Text hatte, musste er sich durch lange Korridore und über Hintertreppen von Etage zu Etage durchfragen, um dann eine scheue Kreatur beinverknotet in alten Texten vertieft vorzufinden, die prompt Antwort wusste. Allerdings vergaß...