Die große Frage
Der beste Moment in Pauls Leben, jedenfalls wenn es nach seiner Erzählerin Sibylle Berg geht, war der, als er sich mit 15 in einen Mitschüler verliebt hat. Eine Nacht im Zelt am See – das muss genügen. Was davor und danach kam, ist das Durchschnitts-Unglück des mittleren Angestellten ohne besondere Eigenschaften: «Dieses Wissen, nichts zu können / die Ahnung, nichts zu sein.» Was dennoch nichts daran ändert, dass er in Corona-Zeiten still verzweifelt und sich sein altes Großraumbüro-Leben zurückwünscht.
«Paul oder Im Frühling ging die Erde unter», ein Auftragswerk fürs Kunstfest Weimar und Schauspiel Köln, hat sonst wenig Erfreuliches zu vermelden von einem, der nur «Rand ohne Gruppe» ist, der keine Anerkennung erfährt, den seine Mitschüler mobben und die Eltern nicht verstehen. Und der gleichwohl – oder gerade deshalb – einen extrascharfen Blick für seine Mitmenschen entwickelt hat, für ihre Gewohnheiten, ihre Gleichgültigkeiten, ihre trüben Freuden, ihr tumbes Durchhalten: «Dass immer alles so viel schäbiger war, als man es sich dachte.»
Kurz vor Pauls bestem Moment haben auch Regisseur Ersan Mondtag und Benny Claessens ihren einzig guten Moment. Claessens, der im ersten ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Oktober 2020
Rubrik: Aufführungen, Seite 22
von Franz Wille
The Show Must Not Go On»: Was Tim Etchells am Ufer des Zürichsees als Leuchtschrift auf ein schwindelerregendes Gerüst montiert hat, ist Programm im diesjährigen «Speki»: So tun als ob, geht nicht. Einfach eine Schrumpflösung des geplanten Pro- gramms wäre nicht umzusetzen gewesen. Das Zürcher Theaterspektakel ist gewöhnlich die Quintessenz der...
Lacht nicht über mich, ich bin ein alberner und altersschwacher Mann» – und keiner lacht. Lears Weg von Amtsmüdigkeit zu Altersstarrsinn zu Kontrollverlust, Gedächtnisschwund und Identitätsaufweichung ist dem Publikum ein bekannter Weg. Johan Simons schickt in seiner Bochumer Inszenierung den König Lear vorweg schon auf die Bühne mit der Bitte um Nachsicht.
Aber...
Gutes Theater ist wunderbar», schreiben die «CyberRäuber» Björn Lengers und Marcel Karnapke auf ihrer Homepage. «Aber die Zeiten des Theaters als bürgerliches Leitmedium sind vorbei.» Dass die «Mission» der CyberRäuber ausgerechnet im Deutschen Theater Berlin uneingeschränkt Zustimmung findet, darf man bezweifeln. Doch für die diesjährige, Corona-bedingt im...
