Die große Frage
Der beste Moment in Pauls Leben, jedenfalls wenn es nach seiner Erzählerin Sibylle Berg geht, war der, als er sich mit 15 in einen Mitschüler verliebt hat. Eine Nacht im Zelt am See – das muss genügen. Was davor und danach kam, ist das Durchschnitts-Unglück des mittleren Angestellten ohne besondere Eigenschaften: «Dieses Wissen, nichts zu können / die Ahnung, nichts zu sein.» Was dennoch nichts daran ändert, dass er in Corona-Zeiten still verzweifelt und sich sein altes Großraumbüro-Leben zurückwünscht.
«Paul oder Im Frühling ging die Erde unter», ein Auftragswerk fürs Kunstfest Weimar und Schauspiel Köln, hat sonst wenig Erfreuliches zu vermelden von einem, der nur «Rand ohne Gruppe» ist, der keine Anerkennung erfährt, den seine Mitschüler mobben und die Eltern nicht verstehen. Und der gleichwohl – oder gerade deshalb – einen extrascharfen Blick für seine Mitmenschen entwickelt hat, für ihre Gewohnheiten, ihre Gleichgültigkeiten, ihre trüben Freuden, ihr tumbes Durchhalten: «Dass immer alles so viel schäbiger war, als man es sich dachte.»
Kurz vor Pauls bestem Moment haben auch Regisseur Ersan Mondtag und Benny Claessens ihren einzig guten Moment. Claessens, der im ersten ...
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Theater heute Oktober 2020
Rubrik: Aufführungen, Seite 22
von Franz Wille
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