Der verkrampfte Volkswille

Die Schweiz hadert mit der Zuwanderung. Volker Lösch und Volker Hesse inszenieren dazu die Stücke der Stunde: «Biedermann und die Brandstifter» am Theater Basel und Philipp Löhles «Wir sind keine Barbaren» am Stadttheater Bern

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So ein schönes Land. Steile Berge, stille Seen, stolze Städte, stabiler Wohlstand. Als Dreingabe: direkte Demokratie. Das war einmal die Schweiz-Idylle, von außen betrachtet.

Von innen betrachtet, sieht die Schweiz weniger paradiesisch aus. Schon der aufgeklärte Berner Dichter Albrecht von Haller (1708–1777) ahnte, in seinem Heimatgärtlein könnten «Zwietrachtsäpfel» reifen. Er fand diese Vorstellung irgendwie peinlich. In einem poetischen Anfall von Nationalromantik schrieb er «Bosheit und Verrat» und alle Niedertracht den Städtern zu.

«Die Alpen» hingegen überhöhte er zum Fels der Reinheit.

Volker Lösch hat Hallers Monumentallyrik für den Prolog von «Biedermann und die Brandstifter» am Theater Basel ausgegraben. Der Regisseur pflanzt die hehren Verse in eine Scherenschnittschweiz, wo Ziegen grasen, Zweige ranken, Schäfer flöten. Damit das nicht zu gemütlich wird, schleudert der Ensemblechor Hallers Stanzen in aggressiven Salven aus Sarah Rossbergs Bühnenpittoreske heraus ins Parkett, und der «Alpen»-Prolog gipfelt in der Parole: «Verkriecht euch, welsche Zwerge!» Man merkt: Multikulti-Kuscheln gibt’s hier nicht.

Nutzviehdenken

Spätestens seit dem Referendum über die Zuwanderung von ...

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Theater heute April 2014
Rubrik: Aufführungen, Seite 18
von Stefan Reuter

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