Der Spar-Überfall
Theater heute In Berlin haben wir ja Erfahrung mit äußerst kurzfristigen Sparmaßnahmen, die im Dezember beschlossen werden und ab Januar gelten sollen – nun hat es auch Stuttgart ereilt. Was genau ist da passiert?
Kosminski Das lief tatsächlich ziemlich überfallartig, d.h. die Politik hat vorab gar nicht das Gespräch mit uns gesucht.
Die Kommunikation lief nur indirekt über Gerüchte, erst auf direkte Nachfrage im Verwaltungsrat hat uns Kulturbürgermeister Fabian Mayer schließlich informiert, dass die Stadt Kürzungen in Höhe von 5 Mio. Euro für die Kultur plant, wenige Tage später wurde dieser Betrag noch verdoppelt. Daraufhin haben sich alle Stuttgarter Kulturinstitutionen zusammengetan. Wir wollten uns auf keinen Fall gegeneinander ausspielen lassen. Wir, die Staatstheater, haben dann alle Betroffenen zu uns eingeladen und entschieden, uns gemeinsam gegen die Kürzungen zu wehren. So sind nach der «Hamlet»-Premiere Hunderte Stuttgarter Kulturschaffende aus den verschiedensten Bereichen auf die Bühne gekommen und haben sich hinter eine gemeinsame Petition gestellt. Diese wurde innerhalb von drei Wochen von über 50.000 Menschen unterschrieben – aber gebracht hat’s leider nichts.
TH Um welche Summen handelt es sich denn für den Stuttgarter Kulturhaushalt insgesamt und speziell für die Württembergischen Staatstheater?
Kosminski Der Kulturhaushalt wurde um 9 Mio. Euro gekürzt, also um sechs Prozent – für die Staatstheater bedeutet das 4,4 Mio. Euro. Weil wir paritätisch von Stadt und Land finanziert werden, war unsere große Sorge, dass auch das Land abspringt; aber Petra Olschowski, unsere zuständige Ministerin und echte Kunstkennerin, hat die Kulturschaffenden konstruktiv begleitet und aus Sicht der Staatstheater den Super-GAU verhindert, indem sie die Kürzungen von Landesseite für 2026 ausgesetzt hat. 2027 steigen die städtischen Kürzungen auf 4,6 Mio., wie es dann mit dem Land weitergeht, ist unklar, zumal wir im März Landtagswahlen haben. Als Kulturschaffende denken wir gerade über ein Bürgerbegehren nach.
TH Bevor wir dazu kommen: Auch wenn 4,4 Mio. fürs Staatstheater fast die Hälfte der Kürzungen insgesamt umfassen, sind mit den restlichen 4,6 Mio. viele kleinere Träger und Projektmittel betroffen.
Kosminski Ja, so manches Festival wird es künftig nicht mehr geben, viele der freien Gruppen sind bedroht und stehen vor dem Aus. Eine besonnene Kulturpolitik müsste so einen Prozess langfristig vorausschauend steuern. Das Prinzip Gießkanne ist die schlechteste Variante, weil das alle schwächt. Leider ist von städtischer Seite im Moment kein differenzierterer Plan erkennbar. Und diese 4,4 Mio. für uns sind ja erst der Beginn, bis 2030 soll weitergekürzt werden. Diese Perspektive ist extrem beängstigend.
TH Aber Sie müssen ja schon dieses Jahr sparen. Gibt es Ideen?
Kosminski In der laufenden Spielzeit geht es gar nicht. Zum Glück haben wir relativ hohe Rücklagen aufgrund unseres sehr hohen Eigeneinnahmenanteils. Die werden wir jetzt und höchstwahrscheinlich auch in der nächsten Spielzeit in Anspruch nehmen müssen, denn die Planungen und Verträge bestehen ja bereits.
TH Solche Rücklagen dürfte es in der Freien Szene kaum geben ...
Kosminski Nein, und das wird in dieser Kurzfristigkeit zu einem katastrophalen Exitus führen.
TH Wie ist es denn überhaupt zu dieser Situation im Stadthaushalt gekommen? Ist der Gewinn von Daimler so stark eingebrochen?
Kosminski Stuttgart ist quasi gleichbedeutend mit Automobilindustrie – und die verzeichnet bei der Gewerbesteuer einen Einbruch von fast 50 Prozent. Das ist natürlich eine Herausforderung, der man gemeinsam konstruktiv begegnen muss.
TH Aber Lösungen sind mittelfristig noch nicht in Sicht?
Kosminski Mittlerweile prüfen wir an den Staatstheatern jede Einstellung sorgfältig, denn sparen können wir letztlich nur bei den Personalkosten, die 80 Prozent des Etats ausmachen. Eine weitere Idee ist eine strategische Partnerschaft mit den Münchner Kammerspielen: Wir überlegen, je eine Produktion des anderen Hauses ins eigene Repertoire zu übernehmen und auf diese Weise eine Produktion pro Spielzeit einzusparen, was auch unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten sinnvoll wäre. Wir sind noch am Rechnen, ob sich das wirklich lohnt. Aber die Gespräche sind auf jeden Fall sehr produktiv.
TH Das sind sicher schlaue Lösungen, aber auch keine, die sich von heute auf morgen umsetzen lassen.
Kosminski Die Stadt hat, glaube ich, immer noch nicht verstanden, was diese Eingriffe für eine höchst produktive Szene mit viel Publikumszuspruch bedeuten. Ohne Dialog kommen wir nicht weiter. Kultur und Politik müssen die Frage, wie Stuttgart morgen und übermorgen aussehen soll, gemeinsam diskutieren. – Sonst gibt es noch eine weitere Option, die so nur in Baden-Württemberg funktioniert: Viele Kulturschaffende wünschen sich ein Bürgerbegehren, wie es auch am Beginn von Stuttgart 21 stand. Dafür braucht es mindestens 20.000 Unterschriften, um gegen einen Gemeinderatsbeschluss Einspruch zu erheben und, etwa in unserem Fall, proaktiv einen alternativen Sparvorschlag zu unterbreiten, den der Gemeinderat dann neu verhandeln muss. Beispiele wären, ob ein Stuttgart-Schriftzug auf dem Marktplatz für Social Media für 550.000 Euro angesichts der Haushaltslage sinnvoll ist? Oder ob es 5 Mio. zusätzliche Euro fürs Stadtmarketing wirklich braucht? Eine lebendige Kulturszene ist doch das beste Stadtmarketing. Wir müssen in die aktive Mitgestaltung übergehen – die Möglichkeiten dazu sind in Baden-Württemberg eigentlich richtig gut!
Das Gespräch führten Eva Behrendt und Franz Wille.
Theater heute Februar 2026
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Eva Behrendt und Franz Wille
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