Der etwas härtere Junge
In Pier Paolo Pasolinis Jesus-Film «Das 1. Evangelium – Matthäus» fährt die Kamera immer wieder langsam über die Gesichter derer, die gekommen sind, um Jesus zuzuhören. Pasolini hat seine Komparsen in Südtalien gecastet, einfache Männer aus der Basilicata, Hilfsarbeiter, Bauern, Tagediebe. Das Leben und die Sonne haben ihre Physiognomien verschieden geprägt, manche sind ebenmäßig, andere nicht; man kann an ihnen studieren, wie vielfältig Schönheit sein kann und wie schön Eigenart ist.
Frank Castorf hat in seinem Volksbühnen-Ensemble durch wechselhafte Zeiten immer wieder ganz ähnliche Visagen versammelt: zarte und zerknautschte, aufgedunsene und ausgezehrte, vor allem aber unbedingt eigenwillige.
Frank Büttner hat so ein Gesicht, das viel erzählt. Ein Gesicht «mit Biografie», wie er selber sagt. Wie ein Vexierbild ist es im direkten Kontakt offen, freundlich, schelmisch, während es aus der Ferne und auf der Bühne entschlossen, brutal und ultramännlich wirken kann. Dazu kommt Büttners markante Stimme, die immer ein bisschen so klingt, als würde gerade jemand an seinen Stimmbändern Schweißarbeiten durchführen. Frank Castorf besetzt den muskulösen Büttner häufig entsprechend – in ...
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Theater heute Jahrbuch 2016
Rubrik: Die Theater des Jahres, Seite 120
von Eva Behrendt
Als ich auf die Welt kam, lag die Welt in Asche. Ich wurde 1946 geboren. Ein halber Kontinent war zerbombt, und Millionen Menschen waren hingerichtet oder zwischen den Fronten getötet worden. Die deutschen Nationalsozialisten hatten gerade noch in ihren grenzenlosen Allmachtsfantasien gestoppt werden können. Mein Land, die Niederlande, war dank der Alliierten...
Die Frage danach, wo für mich die Freiheit der Kunst ende und welches Beispiel aus der Arbeit im Zentrum für Politische Schönheit hierbei erkenntnisreich sei, beantworte ich hier zum vielleicht richtigen, aber unangenehmen Zeitpunkt. Der Blick auf die Grenzen der künstlerischen Freiheit ist nach innen gerichtet. Und doch ändert sich ständig die Blickrichtung. Ich...
Die erste Entscheidung war die schwierigste: einem Stück den Titel «Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1&2» zu geben. Als die Uraufführung näherrückte, kamen Anrufe von Journalisten, auch aus dem Ausland. «Rechnen Sie mit einem Skandal?» – «Nö.» – «Aber das wird doch sicher Wellen schlagen, gibt es schon Gegenwind?» Antwort: «Nö.»
CNN hatte sich zum Filmen angemeldet,...
