Das Leerzeichen in uns
Auf der Bühne stehen drei Plastikkinderstühle, die hölzernen Zuschauerbänke ringsum sind so hoch, dass auch ausgewachsene Menschen mit den Beinen baumeln müssen. Kinderperspektive. Ralph Tharayil beschreibt in seinem Romandebüt «Nimm die Alpen weg» eine Kindheit in der Schweizer Provinz mit südindischen Eltern. Derzeit ist Tharayil Hausautor bei den Bühnen Bern. «Das Land, in dem wir leben, kennt den Krieg nur von Weitem. Das Land, in dessen Sprache Ma und Pa beten, kennt den Krieg von allen Seiten», schreibt er in seinem bemerkenswerten Roman.
Und später: «Woher kommt ihr, fragen unsere Freunde in der Schule. Sie wissen nicht, dass das Staunen keinen Ort besitzt.»
Ein Aufwachsen zwischen Anpassung in alle Richtungen und sich Abheben von den Träumen der Eltern – die mit dem Bambus strafen, wenn die Kinder nicht die besten Schulnoten nach Hause bringen, und europäisches Besteck auflegen, wenn Schulfreunde zum Mittagessen mitkommen. Tharayil beschreibt das liebevoll zugewandt, in einer sanften Sprache, die Poesie aus einem wachen kindlichen Blick zieht. Eine Sprache, die die Brüche benennt und die Zwischenräume luftig lässt. Manchmal gehen die Kinder in die Telefonkabine auf der ...
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Theater heute Dezember 2024
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Andreas Klaeui
«Der Reisende» zu lesen, fühlt sich an, wie langsam in einen Abgrund gezogen zu werden – vorbei an fröhlich winkenden Menschen. Ulrich Alexander Boschwitz, 23 Jahre alt und selbst im Herbst 1938 schon im Exil irgendwo zwischen Luxemburg und Belgien, hat den Roman in nur wenigen Wochen geschrieben. Er ist eine Reaktion auf die Novemberpogrome.
Die erzwungene Reise...
Bei Stücken ist es wie bei Menschen. Manche altern gut. Anderen sieht man an, dass sie aus einer Zeit mit anderen gesellschaftlichen Kämpfen kommen und keinen rechten Grip mehr in der Gegenwart finden – zumindest, wenn man sie so pur und unbehauen im leeren Raum (und später auch in Wind und Regen) stehen lässt wie Regisseur Johannes Holmen Dahl im Münchner...
216 Millionen Menschen werden durch den Klimawandel laut einer Weltbank-Statistik von 2021 zur Flucht gezwungen werden. Kaum ernsthaft vorstellbar ist es, sie durch Grenzkontrollen, Zäune, Mauern oder Frontex-Boote aufhalten zu können – so die Grundannahme von Volker Löschs und Lothar Kittsteins neuester Bonner Arbeit «216 Millionen», die vor dem politischen Getöse...
