Übers Menschsein
«Der Reisende» zu lesen, fühlt sich an, wie langsam in einen Abgrund gezogen zu werden – vorbei an fröhlich winkenden Menschen. Ulrich Alexander Boschwitz, 23 Jahre alt und selbst im Herbst 1938 schon im Exil irgendwo zwischen Luxemburg und Belgien, hat den Roman in nur wenigen Wochen geschrieben. Er ist eine Reaktion auf die Novemberpogrome.
Die erzwungene Reise von Boschwitz’ Hauptfigur Otto Silbermann, 2018 erstmals auf Deutsch veröffentlicht, bringt Regisseur Hakan Savas Mican zur Eröffnung der Spielzeit am Schauspiel Essen auf die Bühne.
Die Uraufführung versucht zweierlei: zu erzählen, wie Otto Silbermann durch ein Deutschland irrt, das ihn, den eben noch stolzen Unternehmer und Weltkriegsveteran, jetzt als Juden zum Feind erklärt hat. Und zu erzählen, wie Mican selbst – Kind von Gastarbeiter:innen, aufgewachsen bei den Großeltern in der Türkei und seit dem Studium in Deutschland – bei der Lektüre des Romans eigene Rassismuserfahrungen und Identitätsfragen reflektiert und in sein Tagebuch schreibt.
Mathias Znidarec führt als Erzähler durch den Abend und übernimmt in den Spielszenen die Rolle des Otto Silbermann. Als die SA in dessen Wohnung eindringt, flieht er zunächst nach ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Dezember 2024
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Cornelia Fiedler
Es gibt Werke, die einen vorzüglichen Eindruck vom Grundgefühl der DDR vermitteln. Brigitte Reimanns Romanfragment «Franziska Linkerhand» ist ein solches, der Film «Unser kurzes Leben», der auf Reimanns Buch basiert, ebenso. Beide nehmen uns mit hinein in die Welt der gebremsten Aufstiegsversprechen in der ostdeutschen Nachkriegsmoderne.
Die Architektin Franziska...
Bei Stücken ist es wie bei Menschen. Manche altern gut. Anderen sieht man an, dass sie aus einer Zeit mit anderen gesellschaftlichen Kämpfen kommen und keinen rechten Grip mehr in der Gegenwart finden – zumindest, wenn man sie so pur und unbehauen im leeren Raum (und später auch in Wind und Regen) stehen lässt wie Regisseur Johannes Holmen Dahl im Münchner...
Finster geht es zu am Meeresgrund, und das nicht nur, weil keine Sonne durchdringt. Auch emotional wird’s höchstens grau. Man entsteht halt, treibt ein bisschen Symbiose, frisst wen auf und wird gefressen. Schlechtgelaunte Zeitgenoss:innen könnten es dabei belassen, weil es spätestens in kosmischem Maßstab ja auch die Menschheit hier oben nicht besser hat: ein...
