Das Kettensägenmärchenmassaker
Das Blut spritzt in alle Richtungen. Schluchzend hält die junge Frau ihren Fuß der Säge hin, die sogleich ihren Dienst tut, wie man auf der großen Leinwand verfolgen kann. Als nächstes folgt ihre Hand, dann kommt die zweite junge Frau an die Reihe. Und das nur, um diesem durchgeknallten Popstar mit der verfilzten Turmperücke zu gefallen. Diese Splatterszene hat volkstümliche Wurzeln, denn auch die bösen Stiefschwestern im «Aschenputtel» schnitten sich Ferse und Zehen ab, um ihre Prinzessinnenkarriere zu befördern.
Claudia Bauers Märchenadaptionen im Theater Dortmund sind nichts für schwache Nerven. Während die gewaltvollen Aspekte der Grimmschen Märchen bekanntlich im guten Ende kathartisch abgeführt werden, gibt es in diesem musikalischen Höllentrip keine Erlösung. Inspiriert ist der Abend von den Märchen-Transformationen der psychotischen amerikanischen Lyrikerin Anne Sexton und ihren wildwuchernden Versen – so jammert die Prinzessin im «Froschkönig», nachdem sie ihre Kugel verloren hat: «Dahin / Mein Mond / Mein Butterkalb / Mein Hinduhase / Meine gelbe Motte / Mein unschuldiger Globus / Mein Madonnenschoß.» Die Geschichten von bösen Stiefmüttern, verschlingenden Wölfen und ...
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Theater heute April 2014
Rubrik: Chronik Dortmund Theater, Seite 56
von Natalie Bloch
An einem Januarmorgen streben erstaunlich viele Menschen über die wenig befahrene Lafayette Street zum Public Theatre. In der Mitte des überfüllten Foyers stehen Mark Russell, künstlerischer Direktor des Festivals «Under The Radar», und Meiyin Wang, seine Ko-Direktorin. Mit der nordamerikanischen Mischung aus Enthusiasmus und Pragmatik werden hundert Produzenten...
Das Gift wirkt langsam, gründlich und nimmt einen langen Weg. Seine Wirkung verdankt es nicht zuletzt Thomas Dreißigackers Bühne, der in einem unmöglichen Raum das Unmögliche ermöglicht hat. Der Raum ist das sogenannte Depot 1 des Schauspiels Köln in Köln-Mülheim, weit hinter Deutz. Dieses «Depot» – eine Halle, in der eine unförmig breite Zuschauertribüne vor eine...
Ich habe ihn das erste Mal kennengelernt, da erschien er als Besucher auf einer Probe am Schauspielhaus Bochum. Er schaute dem Treiben zu, auf einem Stuhl hinter dem Rücken des Regisseurs, hatte eine sehr gesunde Gesichtsfarbe und war ein ungewöhnlich freundlich wirkender junger Mann. In meiner Fantasie wirkt es heute so, als hätte er auf Matthias Hartmanns Probe...
