Das Kettensägenmärchenmassaker

Claudia Bauer & The Ministry of Wolves nach Grimm und Anne Sexton «Republik der Wölfe»

Theater heute - Logo

Das Blut spritzt in alle Richtungen. Schluchzend hält die junge Frau ihren Fuß der Säge hin, die sogleich ihren Dienst tut, wie man auf der großen Leinwand verfolgen kann. Als nächstes folgt ihre Hand, dann kommt die zweite junge Frau an die Reihe. Und das nur, um diesem durchgeknallten Popstar mit der verfilzten Turmperücke zu gefallen. Diese Splatterszene hat volkstümliche Wurzeln, denn auch die bösen Stiefschwestern im «Aschenputtel» schnitten sich Ferse und Zehen ab, um ihre Prinzessinnenkarriere zu befördern.

Claudia Bauers Märchenadaptionen im Thea­ter Dortmund sind nichts für schwache Nerven. Während die gewaltvollen Aspekte der Grimmschen Märchen bekanntlich im guten Ende kathartisch abgeführt werden, gibt es in diesem musikalischen Höllentrip keine Erlösung. Inspiriert ist der Abend von den Märchen-Transformationen der psychotischen amerikanischen Lyrikerin Anne Sexton und ihren wildwuchernden Versen – so jammert die Prinzessin im «Frosch­könig», nachdem sie ihre Kugel verloren hat: «Dahin / Mein Mond / Mein Butterkalb / Mein Hinduhase / Meine gelbe Motte / Mein unschuldiger Globus / Mein Madonnenschoß.» Die Geschichten von bösen Stiefmüttern, verschlingenden Wölfen und ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2014
Rubrik: Chronik Dortmund Theater, Seite 56
von Natalie Bloch

Weitere Beiträge
Provinzscharmützel

Schleswig ist eine kleine Stadt. Knapp 24.000 Einwohner, je eine halbe Stunde nach Kiel und Flensburg, es gibt eine hübsche Altstadt, es gibt die reizvolle Landschaft der Schlei. Und es gibt ein klassizistisches Theatergebäude, das Haupthaus des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters. Das bundesweit größte Landestheater hat drei feste Standorte, neben der Bühne in...

Nachts schlägt die Liebe ein

Nur dort, wo männliche Lebenserwartung wegen exzessiven Alkohol-Konsums laut WHO knapp über 60 Jahre beträgt, kann man wohl auf den mystischen und zugleich fast kalauerhaften Gedanken kommen, ein Betrunkener sei ein ge­eignetes Gefäß göttlicher Erkenntnis. Der Russe Iwan Wyrypajew, Jahrgang 1974, geboren im sibirischen Irkutsk, operiert seit rund zehn Jahren mit...

Die politische Frage

Franz Wille Wie wollen wir arbeiten? – Was für eine dumme Frage. Wir wollen alle selbstbestimmt arbeiten, nicht entfremdet arbeiten; wir wollen Zeit haben, um uns interessante Produktionen auszudenken; wir wollen auf die Proben gehen können; neue Formate entwickeln. Wie wir arbeiten wollen, wissen wir alle, nur leider haben sich Wunschbild und Realität im deutschen...