Das große Zaudern
Es wirkt wie die Wartehalle eines Bahnhofs im Hinterland, in dem die russische Gutsbesitzerin zurückkehrt: Schmutzig gelbe Fliesen bedecken die grauen Wände, in die ein fraglich funktionierender Fahrstuhl eingelassen ist. Hoch oben hängt eine schmucklose Uhr, deren Anzeige schon lange stehen geblieben ist. Der einstige Reichtum der Familie scheint dem Verfall geweiht. Doch die Misere, die sich im Guckkasten von Katharina Grof am Theater Dessau andeutet, ignoriert die Gutsbesitzerin, die nostalgisch gestimmte Ranewskaja (Claudia Lietz), gekonnt.
Und das, obwohl der prächtige Kirschgarten der Familie, den sie fortwährend lobpreist, wohl oder übel verkauft werden muss.
Das weiß auch Lopachin (Jan-Eric Meier), Sohn eines früheren Leibeigenen der Familie, dessen Idee, den Kirschgarten abzuholzen, aufzuteilen und zu verpachten, bis zuletzt ein wenig zweifelhaft erscheint. Doch bis auf die Ziehtochter der Gutsherrin, Warja (Anja Andersen Rüegg), stört sich niemand sonderlich daran, dass Ranewskaja ihr noch verbleibendes Geld mit beiden Händen zum Fenster rausschmeißt. Alle sind hier im Grunde nur mit sich selbst beschäftigt: Während der großmännisch auftretende Gajew (Michael Rothmann) ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juli 2026
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Anna Hoffmeister
Pläne der Redaktion
Der Wiener Festwochen- Intendant Milo Rau ist immer für eine Schlagzeile gut: Peter Thiel einladen und wieder ausladen. Aber wie gut ist sein diesjähriges Festival-Programm?
Abdul Aziz al Khayat floh aus dem syrischen Bürgerkrieg, studierte in Kairo BWL und in Frankfurt Schauspiel. Jetzt spielt er am Staatstheater Wiesbaden und bringt in der...
Nichts sehen, nur hören, hinhören müssen, weil das Auge keine Ablenkung findet in der Dunkelheit. Hören, dass Knochen splittern, Blut aus Wunden sickert, dass Menschen andere foltern, verhöhnen, vergewaltigen. 90 Minuten dauert «Vergeltung», Sebastian Baumgartens Live-Hörspiel eines Flächenbombardements im Zweiten Weltkrieg, mindestens 70 davon ist es dunkel. Wo...
Es geht um die Brezel! Für Christine Wahl, aktuelles Mitglied der Berliner Theatertreffen-Jury, scheint die Regel, «dass von den 10 eingeladenen bemerkenswertesten Aufführungen mindestens die Hälfte von Frauen inszeniert sein muss, zum Festival zu gehören wie die obligatorische Laugenbrezel zum Foyer». Die Frauenquote also. Sie wurde 2019 für zunächst drei Jahre...
