Bochum: Skandal verbal

nach Marquis de Sade «Die Philosophie im Boudoir»

Theater heute - Logo

Den Anfang macht eine Zirkusnummer: Eine Frau im märchenhaften Kinderkleid wird nur an den Haaren hängend aus der Versenkung in den Bühnenhimmel gezogen, dabei dreht sie sich wie tanzend um sich selbst. Wir sind, so scheint es, in einer Art Kinderbelustigung für Erwachsene. Sechs Gestalten, einheitlich grell geschminkt, kichern und lassen die Zungen kreisen. Seltsame Clowns in aufgedonnerten, historisierend klerikalen Kostümen, weitschwingende Nonnenhauben, eine schwarze Bischofsmütze, ein schwarzer Blütenkranz, eine schwarze Strahlenkrone (Kostüme: Victoria Behr).

Was sie dann reden, ist nichts für Kinder (auch nichts für manche Erwachsene, die in der Premiere fluchtartig die Vorstellung verließen). De Sades «Philosophie im Boudoir» wurde 1794 im Gefängnis geschrieben. In den Dialogen geht es um die Einweisung der Klosterschülerin Eugénie in sexuelle Ausschweifungen aller Art. Das ist kaum zu lesen, geschweige denn auf die Bühne zu bringen. Aber Herbert Fritsch findet einen Weg: Die Lust wird lustig. Sein Humor macht die härteste Pornographie heiter und die blutigste Brutalität erträglich. 

Nichts wird gezeigt, alles gesagt. Keine Figur verfestigt sich. Der Text flottiert frei ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Februar 2019
Rubrik: Chronik, Seite 47
von Gerhard Preußer

Weitere Beiträge
Haltung ohne auszugrenzen

Für die Geschichte der Demokratie in Deutschland ist der 9. November der wohl ambivalenteste Jahrestag: 1918 markiert er das Ende der Novemberrevolution mit der Ausrufung der ersten demokratischen Republik, 1938 den Umschlag der Diskrimi­nierung jüdischen Lebens im Dritten Reich in seine offene Verfolgung und Vernichtung, 1989 den Fall der Berliner Mauer und damit...

Bücher: Die Anti-Aristotelikerin

Eine «Kriegsmaschine gegen die Institu­tion Theater», das ist für Florence Dupont die «Poetik» des Aristoteles. Der Philosoph, ein Fremder in Athen, der nie bei den Dionysien dabei war, sauge mit ihr der «lebendige(n) Kunst» und «volkstümliche(n) Praxis» das Blut aus. Denn Theater werde darin auf die «Darstellung einer Geschichte» reduziert, auf die Funktion der...

Weimar: Die Kolonialisten

Wie lassen sich zwei Zipfel Theatergeschichte zu einem zeitgenössischen Unterhaltungsabend verknoten? Angestrengt sächselnd zwängt sich Nadja Robiné in den Fahrstuhl nach Peru, also in Heiner Müllers Ausbruchs-Fantasie eines zentraleuropäischen Bürokraten (alias der «Mann im Fahrstuhl»). Es ist das Intro zu diesem Doppelabend von Christian Weise im Weimarer E-Werk,...