Berlin: Lektion Völkermord

Hans-Werner Kroesinger «Musa Dagh – Tage des Widerstands»

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Gedenktage wirbeln selten was anderes als Archivstaub auf. Aber dieser hier hat es in sich: 100 Jahre Völkermord an den Armeniern. Nicht nur, dass die offizielle Türkei die historische Wahrheit notorisch leugnet. Nicht nur, dass die Gegend um Aleppo heute erneut in Blut und Tränen ersäuft. Nicht nur, dass am ersten generalstabs­mäßig geplanten Genozid der Moderne deutsche Militärs ihren Anteil hatten, 25 Jahre vor der Shoa.

Es gibt auch einen positiven Effekt: Man liest plötzlich Franz Werfel, «Die vierzig Tage des Musa Dagh», diesen monumentalen, aber niemals weitschweifigen Roman über die schicksalhafte Zufallsheimkehr des armenischen Großbürgers Gabriel Bagradian, diese Zeitreise in ein armenisches Widerstandsnest im Weltkriegsjahr 1915, diese tausend Seiten, die Till Wonka beim Betreten der Gorki-Bühne schwenkt und ins Publikum flachst: «Na, habt ihr’s alle gelesen?»

Weil diese Frage rhetorisch gemeint ist, gibt es das Dokumentartheater von Hans-Werner Kroe­singer. Natürlich haben nie alle alles gelesen. Natürlich sind wir bildungssatt. Klar sehen wir die Geschichte historisch-kritisch-ignorant. Und natürlich können wir nichts dafür, dass wir gepflegt im Gorki sitzen und über ...

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Theater heute Mai 2015
Rubrik: Chronik, Seite 54
von Stephan Reuter

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