Auftauen und Einfrieren
Der Keim der wahren Freiheit gedeiht in Unfreiheit», lautet eine von Alexander «Kruso» Krusewitschs dialektischen Überzeugungen. Ja, es muss im Spitzelstaat DDR aufregend anarchische Spielräume gegeben haben, kaum nachvollziehbar aus heutiger Perspektive und schon gar für einstige Kinder der BRD allenfalls diffus erahnbar.
Immer noch und immer wieder werden diese Nischen auch literarisch gefeiert, zuletzt etwa in Lutz Seilers vor zwei Jahren buchpreisgekröntem Roman «Kruso», der die noch immer realexistierende Betriebsgaststätte «Zum Klausner» auf der Ostseeinsel Hiddensee als fantastisches Aussteigerreich schilderte, als skurrile Mischung aus Hippie-Kommune, Sträflingskolonie und Piratennest mit eigenen Ritualen, Festen und der Überzeugung, dass «die Freiheit des Herzens» eines Tages «die Unfreiheit der Verhältnisse übersteigen wird».
Emigration auf den Dornbusch
Auf rund 500 Seiten beschreibt der 1963 in Gera geborene Lutz Seiler in feinen, manchmal minutiösen Introspektionen die nur wenige Monate bis zum Mauerfall währende Hiddensee-Erfahrung des Germanistikstudenten Ed, den der Unfalltod seiner Freundin G. aus der Bahn geworfen und an die äußerste Grenze der DDR getrieben ...
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Theater heute Dezember 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Eva Behrendt
Schreiben kann eine sehr lebendige Praxis sein, sich dem Leben zu entziehen. Wer schreibt, verpulvert kein Geld und vertickt keine Bibliothek, beschimpft niemanden, ist nicht im Bett mit Madonna oder anderen Frauen, reist nicht getrieben durchs Land, kassiert kein Hausverbot, auch wenn all das beim Schreiben sehr intensiv vorgestellt, gefühlt und eben...
Dank der editorischen Bemühungen von Günther Rühle ist der Theaterkritiker und vor allem auch der Chronist der aufstrebenden Weltstadt Berlin, Alfred Kerr, heute wieder ein bekannter Autor. Mitarbeiterin der Kerr-Edition ist seit vielen Jahren die in London geborene Literaturwissenschaftlerin Deborah Vietor-Engländer, deren Familie wie die Kerrs aus...
Dario Fo wollte im Theater sterben. Das heißt: Am liebsten wollte er natürlich gar nicht sterben. Wie er 2003 im Marcel-Proust-Fragebogen des «Corriere della Sera» angab, war ihm der Tod das größte Unglück. Nicht das Sterben allerdings, sondern «… nicht mehr zu leben».
Schon sein Großvater hatte diese feine Unterscheidung getroffen. Großvater Bristin,...
