Auf Kreuzzug
Das Denken muss kalt sein, sonst wird es familiär.» Schreibt Friedrich Nietzsche. Einar Schleef, der dessen «Ecce Homo»-Monolog in Form und mit sich selbst als brillantem Rhetor auf die Bühne brachte, war im Denken kalt und im Fühlen hochentzündlich. Provokation lag bei Schleef höchstens in seinem Willen, mit dem ein Unzeitgemäßer – und auch Wagnerianer – Rituale vollzog, Weihefestspiele stiftete, das Theater als Zeremonie begriff.
Schleefs im Juni 1997 am Düsseldorfer Schauspielhaus von ihm uraufgeführte und ausgestattete «Salome» ist – anders als bei Oscar Wilde, der den biblischen Stoff ins Rankenwerk des Fin de Siècle geknüpft und die Sprache süß überstäubt hat – nahezu Prähistorie: Mythenmaterial als Sprengstoff. Kein symbolisches Theater, sondern offensives und – seltsamerweise – zugleich graziöses Sein. Brutal direkt wie ein Bildwerk von Francis Bacon. Die Verweigerung von metaphorischer Absicht macht Schleefs Theater kraftvoll.
Wie ein Fallbeil: Schleefs «Salome»
So setzte er damals auch den Anfang, einen 13-minütigen Prolog als stummes Tableau vivant aller Mitwirkenden, darunter ein Chor alter Männer in schwarzen Roben. Nach diesem statischen Panorama senkte sich der ...
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Theater heute Juli 2018
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Andreas Wilink
Am Anfang war der Schaumstoff. Acht Köpfe – große, kleine, eckige, breite, zerknautschte, tierische, humanoide – linsen hinten über die schräg nach vorn gekippte Spielfläche und skandieren Schöpfungssätze aus der Genesis. Zwischendurch gucken sie sich an, kommentieren das Gesagte, kichern zu den selbstgeklopften Grantlsprüchen wie Waldorf und Statler aus der...
Die vermeintlich großen Dramen des kleinen Menschen führen zu vielen Absurditäten im Leben, und manchmal haben sie extreme Folgen. Die meisten Theaterstücke erzählen aber im Kern nicht von Mord und Totschlag, nicht von Glückseligkeit, vom Himmel auf Erden, sondern davon, was Menschen alles aushalten, wie sie das durchstehen, was ihnen unerträglich scheint. Das...
Die koitalen Bedingungen sind ausgesucht schlecht für Yerma und ihren Gatten Juan am Staatsschauspiel Dresden. Die Länge des Esstisches, an dem die Ehepartner – jeder an einer Stirnseite – ihre mühselige Beziehungsarbeit verrichten, liegt im gefühlten Kilometerbereich. Und selbst, wenn Deleila Piaskos Yerma in ihrem weißen Hängerchen doch mal einen...
