Appelle gegen rassistisches Kopfkino

Während Großbritannien nationalistisch wählt, geht es im Londoner Theater um ein kulturell fragmentiertes Land. Über Annie Bakers «The Antipodes», Sabrina Mahfouz’ «A History of Water in the Middle East», Gurpreet Kaur Bhattis «A Kind of People», Arinzé Kenes «Little Baby Jesus» und Jackie Sibblies Drurys Pulitzer-Preis-Gewinner «Fairview»

Theater heute - Logo

Man ist auf der Suche nach der nächsten großen Geschichte: «Der Rest der Welt geht vielleicht zum Teufel, aber die Geschichten sind besser denn je. Und wir haben die Möglichkeit, etwas völlig Neues zu schaffen … Wir können die Welt verändern.» Mit diesem hingerotzten Hype empfängt der erfolgsverwöhnte Medienguru Sandy sechs Projektautoren an einem gigantischen ovalen Glastisch. Ob Fantasy-Film oder nächster Gaming-Hit: Worum es genau geht, wird nie ganz klar.

Annie Bakers «The Antipodes» startet im scheinbar sicheren Territorium des klassischen angloamerikanischen Naturalismus und schraubt sich über zwei Stunden, in denen keiner der Autoren je den Raum verlässt, mit ständigen, fast unmerklichen Veränderungen in Temperatur und Atmosphäre in ein surreales Endzeitszenario. 

Übereifriges Brainstorming persönlicher Erlebnisse – der erste Sex, das größte Scheitern, je krasser, desto besser für Sandy – weicht tragikomischem Stochern in Klischees und alten Mythen, niemandem kommt die zündend originelle Idee. In der immer verzweifelteren Suche nach «something monstrous» lässt Baker unablässig verschiedenste Facetten patriarchalen Machtspiels und gruppendynamischer Supergaus aufblitzen. So ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2020
Rubrik: International, Seite 43
von Patricia Benecke

Weitere Beiträge
Theatertreffen: Die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen des Jahres

Für alle Freunde der Statistik: Der Theatertreffen-Jahrgang 2020, der erste mit einer obligatorischen Frauenquote von mindestens fünf Regisseurinnen, versammelt sechs Frauen und vier Männer. Quote also übererfüllt! Genauer handelt es sich um drei (moderne) Klassiker, drei neue Stücke, ein Tanztheaterprojekt, ein Visual Poem, eine Theaterinstallations­performance,...

Tote gibt es schließlich immer

Nein, der Garten Eden sieht anders aus. Dieser hier ist eingefasst von einer hohen Metallwand, hinter der sich noch ein meterhoher Metallzaun wölbt – ein Gated Garden in einer unzweifelhaft Gated Community. Das Sicherheitssystem hat trotzdem Lücken: Ständig schleichen Störfaktoren herein, ungeladene Gäste. Ein reichlich abgerockter Nachbar zum Beispiel, der um...

Arlecchino forever?

Es geht schon vom ersten Moment an in die Hose. Das Intro zu «Prometheus», das im Juni im Studio der Schaubühne Premiere hatte, sollte sie uns kurz noch mal referieren, Sie wissen schon, all diese Götter, die da durcheinandergeraten im antiken Mythos, und die Streberin im kleinen Schwarzen (Carol Schuler) hat es auch ganz gut drauf. Aber der Typ daneben, eigentlich...