Wörter ohne See

Bunt ist die Themenvielfalt der neuen Stücke, mit denen die Saison begonnen hat: In Wien und Graz ist der Sprachmusiker Gert Jonke mit einem neuen und einem neu-alten Stück zu sehen, Franzobel zeigt den Messias als Couch Potatoe, Johannes Schrettle verpoppt Heiner Müller zum Trashtheater, und Marlene Streeruwitz dramatisiert ihren Lifestyle-Roman «Jessica, 30.». Die Münchner Kammerspiele machen sich dreifach um neuere Dramatik verdient, mit einem Kathrin-Röggla-Nachspiel aus der Schuldenfalle, dem neuesten René Pollesch aus der neo­liberalen Kampfzone und Feridun Zaimoglus «Lulu»-Variante aus dem Chat­room. Davon und von neuen Stücken in Halle, Dresden, Hamburg und Freiburg auf den nächsten Seiten.

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Jesus sieht aus wie Hermes Phettberg, nur die ­Jeans sind nicht so versifft wie beim Original. Jesus ist Protagonist des neuen Franzobel-Stücks «Wir wollen den Messias jetzt oder Die beschleunigte Familie», einem Auftragswerk des Burgtheaters. Es handelt sich, wie der barocke Titel schon sagt, um eine Mischung aus Passionsspiel und Fami­liendrama: Der Erlöser ist ein fetter Couch Pota­toe, der lieber vor dem PC masturbiert als seinen ehelichen Pflichten nachzukommen; seine Familie (Vater, Mutter, Schwager) ist eine Ansammlung kleinbürgerlicher Monster.

Ungefähr so hätte es viel­leicht ausgesehen, wenn Werner Schwab «Das Leben des Brian» geschrieben hätte. 

Nachdem ihm in Gestalt einer «geilen Alten» die göttliche Erleuchtung widerfahren ist, erschlankt Jesus auf wundersame Weise, er singt eine philoso­phisch aufgefrischte Version des Hohelieds der Liebe («Wenn ich Zizek und Baudrillard und Derrida gelesen hätte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts») und predigt die politisch korrekte No-Logo-Lehre: Keine Chiquita-Bananen! Keine Nike-Turnschuhe! Kein Shell-Benzin! Aber die Menschen miss­verstehen seine Lehre («Er hat gesagt, wenn wir keine Bananen essen, kommen wir in den ...

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Theater heute Dezember 2005
Rubrik: Neue Stücke, Seite 46
von Wolfgang Kralicek

Vergriffen
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