«Wir sind immer noch koloniale Imperialisten»
Eva Behrendt: Frau Leysen, wenn man sich das «Theater der Welt»-Programm anschaut, das Sie kuratiert haben, fällt auf, dass die üblichen Genrebezeichnungen gar keine Rolle mehr spielen. Sie haben sogar neue erfunden, etwa ein «Mülheimer Gesellschaftsspiel» oder «Dokufiktionspanel» oder «Endzeitszenario-Konzert» usw. Was für eine Idee steckt dahinter – wollten Sie Theater der Welt in eine Art documenta oder Biennale verwandeln?
Frie Leysen: Nein, Theater der Welt ist Theater der Welt.
Aber wenn man heute über zeitgenössische Künste spricht, dann gibt es keine Sparten mehr. Die jungen Künstler sind in verschiedenen Genres zuhause, das kann man an ihren Biografien ablesen. Der Ungar Kornél Mundruczó zum Beispiel ist als Filmemacher oft in Cannes eingeladen, aber er inszeniert auch Theater – und das ist für ihn absolut normal. Auch die Produktionen selbst sind oft Hybride, Guy Cassiers aus Antwerpen beispielsweise stellt das bewegte Bild auf die gleiche Ebene wie die Schauspieler und den Text. Deswegen muss man eigentlich über Künste der Welt sprechen. Und ich würde sogar noch weiter gehen: Ich möchte bei Theater der Welt nicht nur eine Reihe schöner, interessanter Produktionen ...
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Normalerweise werden größere dramatische Figurenansammlungen entweder über diverse Handlungsstränge zusammengehalten oder in Durchgangsräumen organisiert. Gerne müssen Hotelhallen oder Bahnhöfe dafür dienen. Ulrike Syha hat sich jetzt etwas wirklich Neues ausgedacht: einen von Piraten entführten Öltanker, die Panama Star, irgendwo da draußen auf dem blauen Ozean....
«Alles, was eine große Wirkung getan hat, kann eigentlich nicht mehr beurteilt werden.» Das hat Goethe zu Kanzler von Müller gesagt. Ein Beispiel dafür ist, was «der Schlegel-Tieck» genannt wird. Generationen haben den Doppelnamen aus dem väterlichen Bücherschrank buchstabiert. Aber der große deutsche Shakespeare-Übersetzer hieß August Wilhelm Schlegel.
Schlegel...
So flott geht’s nicht mal bei Thalheimer: In gerade mal 70 Minuten ist «Faust I» abgehakt, vom Studierzimmer bis zum Kerker, von «Habe nun, ach …» bis «gerettet». Schließlich will man in insgesamt gut zweieinhalb Stunden nicht nur beide Teile von Goethes Tragödie durchmessen, sondern auch noch das Faust-Gedicht von Nikolaus Lenau, das zwischen 1833 und 1836 gezielt...
