Wenn das System sich amüsiert
«Wenn Sie in den sonnigen Süden reisen möchten, wählen Sie die Eins. Möchten Sie in die Alpen reisen, wählen Sie die Zwei.» Mein Ritt durch die karge Berglandschaft der Pyrenäen führt mich und mein Maultier schon nach wenigen Wahlmöglichkeiten in eine Sackgasse: Wir sind in einer Höhle gestrandet, und mein Begleiter – «Wenn Sie mit dem Maultier sprechen möchten, wählen Sie die Zwei» – blökt mich enthusiastisch an.
Jetzt habe ich nur noch zwei Alternativen: Ich helfe einer abgestürzten Segelfliegerin oder verstoße gegen die Grundregel des Theater-Hörspiels «Callcenter Übermorgen»: «Niemals den Telefonhörer auflegen!»
In den 40 halbtransparenten Einzelkabinen, die das Kollektiv InterroBANG wie ein Labyrinth aus frei hängenden weißen Jalousien in den Hochzeitssaal der Sophiensaele installiert hat, sitzt das Publikum am Telefon. Gut 90 Minuten lang wählt es sich via Sprachmenü durch diverse Reiserouten, die in immer abstraktere «Dimensionen» führen – zu postbiblischen Sintflut-Szenarien («Die Katastrophen von gestern bilden den Kreuzfahrt-Flair von morgen») oder zum Mord am Mitspieler.
Dabei montiert die akustische Reise in erstaunlicher Diskursbandbreite O-Töne von Hannah Ahrendt, ...
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Theater heute August/September 2013
Rubrik: Chronik: Berlin, Seite 57
von Anja Quickert
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So viel Ende war selten. Der Untergang, der 1914 über Europa kam, inspiriert hundert Jahre später aktive und theoretisierende Kunstschaffende wie schon lange nichts mehr. Und deren Auseinandersetzung mit dem Morden im ersten großen Krieg, dem Zerfall, der Neuordnung und vor allem mit den Grundlagen, die gelegt wurden für die zweite größere Katastrophe des 20....
