Unglückliche Unsympathen

Große Gesellschaftspanoramen in Hamburg: Viktor Bodó bringt am Deutschen Schauspielhaus Karl Ove Knausgårds «Der Morgenstern» auf die Bühne, Kirill Serebrennikov überarbeitet am Thalia Theater sein 2018er-Stück «Barocco»

Theater heute - Logo

Der Kulturjournalist ist frustriert. Eigentlich ist Jostein nämlich Polizei -reporter, nun wurde er abgeschoben – zu «Kunst und Kultur». Da muss er jetzt von der Umwandlung eines Schwimmbades in ein Kulturzentrum berichten, und was sieht er da? «Experimentelles Theater», spuckt er voller Verachtung aus. Samuel Weiss spielt diesen Jostein an der Grenze zur Karikatur: mit zu großer Pilotenbrille, zu enger Kunstlederjacke, lächerlichem Bärtchen, schütterem Haar. Scheiße am Ärmel der Kunst.

Wobei man seine Verachtung freilich ein wenig versteht – die Malerin (Sasha Rau), von Jostein denkbar unmotiviert interviewt, erweist sich tatsächlich als Dumpfbacke erster Güte. Wenigstens lässt sie sich vom Journalisten am Ende ins Bett quatschen.

Jostein ist einer der unglücklichen Unsympathen, die Karl Ove Knausgårds Roman «Der Morgenstern» bevölkern, ein 900 Seiten dickes Gesellschaftspanorama aus der norwegischen Provinzmetropole Bergen, das Viktor Bodó als hoch unterhaltsames, ästhetisch nah am Film gebautes Tableau auf die Bühne des Hamburger Schauspielhauses bringt. Eine Hitzeglocke hängt über der Stadt, unerklärliche Naturphänomene treten auf, und eines Nachts erscheint ein unbekannter ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juli 2023
Rubrik: Aufführungen, Seite 21
von Falk Schreiber

Weitere Beiträge
Der Melankomiker

Man wusste nie, wer auftreten würde, auch wenn man die Stücke kannte: der sich selbst gefährdende, doch gut trainierte Seiltänzer; der gewiefte gierige Wolf mit liebenswürdig aasigem Dauergrinsen; der spitzenschuhgestählte Elefant im Porzellanladen; der hypermännliche Naive; der versponnen erzählverliebte und zugleich klug analytische Anekdotiker; der ausgebuffte...

Monster Mensch

Drei Jahre hat es gedauert, eine Pan - demie und einen brasilianischen Machtwechsel inklusive, bis zu Milo Raus letzter Premiere im NTGent. Und dann stieg ausgerechnet drei Tage vorher unerwartet die Hauptdarstellerin und Aktivistin Kay Sara aus, flog zurück in den Amazonas, weg von der Kunstanstrengung Theater, zurück zu ihren Leuten, ihrem eigentlichen Kampf –...

«Die Dämonen sind losgelassen»

Iwona Uberman Sie haben vor kurzem im Słowacki-Theater in Krakau «Act of Killing» nach dem Dokumentarfilm-Reenactment von Joshua Oppenheimer inszeniert. Ich habe gehört, dass Sie jeden Tag vor der Probe im Büro des Intendanten vorbeischauten, um sich zu vergewissern, dass er noch im Amt ist.
Jan Klata Ja. Ich hatte zuvor schon unangenehme Erfahrungen in einem...