Trauma und Ehre
«Minna von Barnhelm» ist gleichsam eine knappe (einen Tag währende) psychoanalytische Kur, die das sächsische Edelfräulein am widerstrebenden Major Tellheim praktiziert: Was hat es denn mit dessen Kriegs-Traumatisierungen wirklich auf sich, wie sehr ist er «verkrüppelt», ein «Bettler», «unglücklich», und ist es denn wahr, dass «ein Unglücklicher gar nichts lieben muss»? Das Fräulein schlägt sich, assistiert von der munteren Sprechstundenhilfe Franziska, in der selbstgewählten Rolle gar nicht schlecht, nur findet sie am Ende so viel Gefallen daran, dass sie ihre Bemühunge
n doch ein wenig übertreibt …
Man hätte sich ohne weiteres vorstellen können, dass Karin Neuhäuser in ihrer Mülheimer Inszenierung aus purem Spaß an komödiantischen Volten und Finessen und dank eines spiellaunigen Ensembles den Aspekt des Therapeutischen am klassischen deutschen Lustspiel tiefer auslotet – wenngleich Gralf-Edzard Habbens Bühne kein freudianisches Labor, sondern eine Art Kostüm- und Requisitenfundus zeigt, dessen Mitarbeiter einem Spielzwang zu folgen scheinen: Aus den Pappkartons, die der mitspielende Requisiteur herbeischleppt, holen sie die gelben Reclamheftchen hervor, die sie zum Aufführen der ...
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Theater heute März 2013
Rubrik: Chronik: Mülheim, Seite 50
von Martin Krumbholz
Der vorletzte Frankfurter Auftritt von Michael Thalheimer war gewichtig. Er begann in der tieferen Finsternis, die sozusagen der natürliche Zustand der riesigen Frankfurter Bühne ist, mit schweren Schritten und Schlagschatten. Die Schauspielerin Josefin Platt setzte donnernd einen Fuß vor den anderen, und jedes Mal knallte der Kothurn. Es war der passende Auftakt...
Die Putzfrau mal schnell ein Ciabatta für die Mittagspause kaufen schicken und sich dann nicht mal für diesen Extra-Dienst bedanken – im Gegensatz zu seinem schlecht gelaunten Kompagnon in der auf In-Vitro-Fertilisation spezialisierten Privatklinik würde Sebastian so etwas niemals tun. Der geschiedene Arzt behandelt seine bulgarische Reinigungskraft Jana mit...
Wolfram Lotz will das Unmögliche: Er will nicht sterben, er will aufgehoben sein in der Welt, er will die Welt mit der Sprache erfassen. Weil er das alles will, will er auch ein unmögliches Theater. Lotz' Strategie der formalen Überforderung des Theaters ist die Konsequenz seiner inhaltlichen Überforderung, nicht umgekehrt. Die formale Überforderung kommt daher als...
