Tragik des Alltags
Als seinen Lieblingsautor nennt Simon Stephens Raymond Carver, und er zitiert ihn im Interview mit dem Satz: «Als Schriftsteller muss man die Fähigkeit haben, die Welt mit offenem Mund und kindlichem Staunen zu betrachten.» Sein Lieblingsdramatiker ist Anton Tschechow, «denn er war der Auffassung, dass die Menschenliebe kommuniziert werden kann. Dass die kleinen Dinge, die Menschen tun – wie sie sich bewegen, wie sie sprechen oder einander ansehen – unglaublich viel ausdrücken.
» Und es gibt auch einen deutschen Autor, den er bewundert – Franz Xaver Kroetz, weil er «unglaubliche Geschichten erzählt, ohne dass die Figuren ein Wort sagen». Kroetz’ «Stallerhof» ist eines seiner Lieblingsstücke, neben «Kasimir und Karoline» von Ödön von Horváth. Er mag die Filme von David Lynch und Martin Scorsese und träumt davon, wie spannend es sein könnte, «Ereignisse mit der gleichen Gewalt und Kraft in einem Theater zu erleben». Wovon er träumt und was Simon Stephens bewundert, lässt sich alles in seinem jüngsten Stück entdecken – es ist eine Familiensaga von fast Scorsesescher Breite, voll diskreter Menschenliebe und wortloser Dramatik. Maurice Maeterlinck, so seltsam es klingt, hätte das Stück ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2005
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 164
von Thomas Oberender
Was muss passieren, damit sich eine Mehrheit von unterscheidungssüchtigen Kritikern auf eine Schauspielerin, einen Schauspieler als ihren Favoriten der Spielzeit einigt: das richtige Stück zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort mit den richtigen Partnern?
Wahrscheinlich ist es viel einfacher, wahrscheinlich liegt es einfach an Wiebke Puls und Ulrich Matthes!
...Wer kennt die neuen Texte der nächsten Monate besser als die Dramaturgen der Bühnenrepublik, die sich erst durch die jährliche Neuproduktion lesen, um dann ihre erste Wahl am eigenen Haus durchzusetzen? Energische Statements der unermüdlichen Autorenentdecker für ihre Lieblingsstücke von A wie Andruchowytsch bis S wie Stocker.
Eine befreundete Schauspielerin, die gegenüber von Schimmelpfennigs Berliner Wohnung lebte und einen steten Einblick in sein Familienleben hatte, fuhr im Winter niemals mit der Straßenbahnlinie auf der Greifswalder Straße. Es wäre zwar der kürzere Weg, meinte sie, aber sie bereue sonst zu sehr, nach Berlin gezogen zu sein. Sie fuhr lieber einen Umweg über die...
