Tränen aus dem Stand
Man sagt dem Regisseur Jürgen Gosch eine Schwäche für Süßigkeiten nach. Wer die besten Konditoreien in Düsseldorf, Berlin, Hamburg, Hannover oder Zürich wissen will, der frage den 62-jährigen Regisseur auf Endlostournee. So raunt man in Zügen und Hinterzimmern. Irgendeine Droge muss der unermüdliche Mann ja haben, warum nicht den Downer aus schön verarbeitetem Zucker. Seine Primärdroge ist aber bestimmt das Theater, das Rüben- oder Rohr-Derivat wäre dann bloß das Gegengift.
In Hannover knüpft Gosch dort an, wo er in Düsseldorf mit seinen phänomenalen «Sommergästen» von Maxim Gorki aufgehört hatte. Die Anknüpfung ist zunächst mehr eine Drehung um neunzig Grad: Wo Johannes Schütz einen episch breiten, grau ausgelegten Quader mit Aussicht auf einen gefällten Baum baute, flüchtet die Bühne jetzt in die graue, hermetisch abgedichtete Tiefe. Der Saal im seit einem Jahr vaterlosen Hause Prosorow in der Provinz fühlt sich mindestens so lang an wie das Warten für Olga, Mascha und Irina auf eine Perspektive in einem Raum ohne gültige Referenz – ohne Fenster, ohne Vater, ohne Lover, ohne Glamour. Und Moskau liegt vielleicht irgendwo im hellen Zuschauerraum, in den gelegentlich eine ...
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