Tote gibt es schließlich immer
Nein, der Garten Eden sieht anders aus. Dieser hier ist eingefasst von einer hohen Metallwand, hinter der sich noch ein meterhoher Metallzaun wölbt – ein Gated Garden in einer unzweifelhaft Gated Community. Das Sicherheitssystem hat trotzdem Lücken: Ständig schleichen Störfaktoren herein, ungeladene Gäste. Ein reichlich abgerockter Nachbar zum Beispiel, der um größere Almosen bittet und dem auch die lässig hingehaltene Rolex nicht reicht: «gib mir genug, damit auf dauer sich was ändert.
» Womit wir mitten drin wären im Dilemma: Was brauchen wir zum Leben? Was ist genug? Was Übermaß?
Im Letzteren, im Übermäßigen, ist zweifellos der Jedermann zuhause. In seinem grauweißen Garten mit einem kühlen flachen Pool und einer weißen Empore sich auftürmender Steine, an diesem, wie er selber findet, «ungequälten ort», will er ein rauschendes Fest geben. Auch wenn sich draußen eine Wirtschaftskrise abzeichnet, die Inflation wütet, der Markt wankt und bürgerkriegsähnliche Zustände befürchtet werden: Drinnen wird gefeiert. Tote gibt es schließlich immer. Findet Jedermann.
Ferdinand Schmalz, die Grazer Theater- und Literaturhoffnung mit dem heiteren Künstlernamen und der handfesten Schreibe, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute März 2020
Rubrik: Aufführungen, Seite 32
von Esther Boldt
Die letzten zweieinhalb Wochen, länger als die gesamte Dauer des chinesischen Frühlingsfestes, habe ich bei meinen Eltern in Changzhou 180 km westlich von Shanghai verbracht. Kurz nachdem ich ankam, am 23. Januar, wurde aufgrund der Coronavirus-Pandemie die Quarantäne über Wuhan verhängt und angekündigt, dass landesweit keine Feierlichkeiten im öffentlichen Raum...
Was für eine Saison, die an aufregenden, mutigen, wichtigen Theatertexten geradezu überquillt! Unter einigen Verlustqualen hat die Jury der Mülheimer Theatertage acht ausgewählt, in denen es um so Grundlegendes wie Frauen, Männer, Vögel, Familie, Deutschland, künstliche Intelligenz, Freiheit der Kunst und das Finanzamt geht:
Sivan Ben Yishai «LIEBE/Eine...
Julien stürzt hart. Blutig der Schädel und das Hemd, so findet der Abbé den Burschen am Boden. Juliens Vater hat wieder zugeschlagen. Mit dem Buchrücken, den er Julien entriss, weil ein Brettersägersohn seiner Ansicht nach keine Flausen im Hirn braucht, sondern Schwielen an den Händen. Weil aber der Abbé ein Herz für kluge Köpfe hat, rafft er dieses Bündel...
