Tänzchen mit dem Gegenwartsblues
Untold stories disappear» heißt es anfangs in der «Odisseia» der brasilianischen Cia Hiato: Geschichten, die nicht erzählt werden, verschwinden.
Das Programm des diesjährigen Festivals Theaterformen in Hannover war gefüllt mit solchen Erzählungen, die sich mitunter sehr subjektiv dem Vergessen entgegenstellten: In «Odisseia» erinnern sich verschiedene Performerinnen, auch ausgehend von ihren eigenen Biografien, an Männer, Väter, Geliebte, die aus ihrem Leben verschwanden, und entfesselten den vertrauten Topos des in die Ferne ziehenden Mannes und der zurückbleibenden, fortan wartenden Frau ganz neu und ganz alt, mit unerhörter innerer Freiheit und einer beeindruckenden, souveränen Bühnensprache.
Born to die
In «Cezary zieht in den Krieg» kann der polnische Choreograf und Regisseur Cezary Tomaszewski eine vergangene Kränkung nicht ruhen lassen – und probt den Aufstand: Mit seiner Ausmusterung beim Militär 1994 war er eigentlich ganz d’accord, nicht aber mit seiner Degradierung zu einem Mann der Kategorie E. So setzt er sich zur Wehr gegen diese institutionelle Diskriminierung – mit allen Mitteln seiner Kunst. Und in Mats Staubs Videoinstallation «Death and Birth in my life» ...
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Theater heute Oktober 2019
Rubrik: Festivals, Seite 22
von Esther Boldt
Im Februar vergab die Allianz bedrohter Berliner Atelierhäuser erstmalig den «Weak Art Award» – einen «Preis für herausragende Leistungen zur Schwächung der Kunst in Berlin». Leicht dürfte der vierköpfigen Fach-Jury ihre Entscheidung angesichts der aktuellen Immobilienmarktlage und der zahlreichen Nominierungen nicht gefallen sein. Doch schließlich einigte man sich...
Voyeurismus ist doch ganz was Feines. Schön im Dunkeln sitzen und Fehler suchen, während die Spieler*innen in Bochum auf die Bühne klettern und sich in langer Reihe vor dem roten Vorhang aufstellen. Man registriert jede ungelenke Bewegung, jeden unsicheren Blick, scannt jeden Körper, der vom durchtrainierten Ensemble-Standardmaß abweicht. Und schon sind wir mitten...
Die Salzburger Festspiele standen in diesem Jahr unter einem konzeptionellen Bogen: Antike Mythen wie die von Ödipus, Medea oder Orpheus wurden auf ihre Relevanz für die Gegenwart untersucht. Seltsamerweise aber galt das Motto offenbar nur für das Musiktheater, im Schauspielprogramm waren davon allenfalls Spurenelemente auszumachen. Das hatte vermutlich zwar ganz...
