Szenen einer Jugend

Was fehlt? - Nuran Calis’ höchst eigene Version von Wedekinds «Frühlings Erwachen!»

Theater heute - Logo

Man kann in Hannover in eine x-beliebige Aufführung von «Frühlings Erwachen!» gehen und wird dasselbe Phänomen vorfinden: Unglaublich viele junge Zuschauer, darunter richtig coole Jungs, die man sonst eher nicht im Theater sieht, sind genauso konzentriert, bewegt, begeistert wie die Theatergänger der älteren und alten Generation, und am Ende bricht jedesmal Jubel aus.

Der das geschafft hat, ist Nuran David Calis, Ex-Türsteher mit familiärem Migrationshintergrund und als Autor und Regisseur ein – selber noch junger – Mann mit großem Gespür für die Sehnsüchte und Nöte junger Menschen, die er auf der Bühne so glaubwürdig wie emotional umzusetzen versteht. Calis hat Wedekinds «Kindertragödie» aus dem Jahr 1890 nicht nur für heute bearbeitet, sondern eigentlich komplett neu geschrieben: als pulsierendes Zeitstück über Pubertät, erste Sexualität und die Schwierigkeiten, erwachsen zu werden. Auch Gespräche mit Hannoveraner Jugendlichen sind eingeflossen, etwa wenn jene Dinge aufgelistet werden, «die ich vergessen will, wenn ich erwachsen bin» oder «Dinge, an die ich mich erinnern will».

Wedekinds Grundthema bleibt: Wendla wird mit 14 von Melchior schwanger, und der kommt überhaupt nicht ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2008
Rubrik: Theatertreffen 08, Seite 25
von Christine Dössel

Vergriffen
Weitere Beiträge
Den Schmerz verwandeln

Die Urszene? Vielleicht diese (schwarz-weiß): ein kleines Mädchen auf einem Schulhof, Hamburg, späte 40er Jahre. Zöpfe wahrscheinlich, ein klares, norddeutsches Gesicht, blaue Augen, breite Wangenknochen. Die Nase blutet. Sie hat sich geprügelt, und ist doch eigentlich ein liebes Mädchen, geprügelt um eine Rolle, die erste ihres Lebens: Hauptvögelchen in «Hüang und...

Souveräner Potenzverschleiss

Der raumhohe Kupferkasten, den Johannes Schütz an die Bühnenrampe des Düsseldorfer Schauspielhauses gerückt hat, ist kein Ort für die Liebe als barocke Sinnenlust. Herzog Orsino (Guntram Brattia) krempelt sich die Ärmel hoch, macht sich an die Schwarzarbeit und streicht die spiegelblanken Flächen. Während eine Blackbox entsteht, dunkelt auch der Zuschauersaal...

Künstlerdämmerung

Langweilig ist es nicht in Johannes Leppers letztem Intendantenjahr am Theater Oberhausen. Thirza Bruncken hat eine völlig durch­geknallte Version von Dürrenmatts «Besuch der alten Dame» inszeniert, und der leise, behutsame Valentin Jeker verabschiedet sich mit einem atmosphärisch stimmigen «Kaufmann von Venedig» vielleicht ganz aus dem Theatergeschäft. Auch Lepper...