Scham-los. Maß-los
Unspektakulärer kann Nacktheit wahrscheinlich nicht mal am FKK-Strand rüberkommen. Kein handelsübliches Murren regt sich im Silbersee des Schauspiels Hannover im vorderen Parkett, kein Kichern in den reich mit Schulklassen besetzten hinteren Reihen. Dass Sandra Hüller als Parzival die Bühne splitterfasernackt betritt und das auch eine ganze Weile bleiben wird, fällt sozusagen gar nicht auf. Es wirkt wie das einzig richtige Kostüm: ein Naturzustand. Vor jeder Zivilisation, jeder erotischen Fantasie.
Denn das ist Parzival in diesen ersten Szenen der Eschenbach-Paraphrase von Lukas Bärfuss, die Lars-Ole Walburg in Hannover inszeniert hat: ein Kind vor der Geschlechtsreife. Und obwohl die nackte Hüller keinesfalls wie ein Kind oder auch nur androgyn aussieht, verkörpert sie (da passt das Wort auf paradoxe Weise mal) vollkommen die Abwesenheit von jeder Art von Wissen über eine Welt aus Liebe, Erotik, Schuld und Sühne. Mutter Herzeloyde hat das Baby Parzival im Wald aufgezogen, naturbelassen und zivilisationsverschont, ein mittelalterlicher Kaspar Hauser. Bei Bärfuss wird aus so etwas kein Rousseauscher lieber Kerl, sondern ein voltairisch Unzivilisierter, der in allem unschuldigen ...
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Theater heute Jahrbuch 2010
Rubrik: Die Spieler des Jahres, Seite 101
von Barbara Burckhardt
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