Plädoyer für das deutsche Stadttheater
Wie soll die Zukunft des Theaters aussehen? Meine Antwort darauf ist: das Stadttheater bewahren – und weiterentwickeln! Es ist noch immer eine Utopie für mich: die Idee einer Versammlung verschiedenster Alters- und Berufsgruppen in ästhetischer Auseinandersetzung mit einer Sache und als Gesellschaft mit sich. Es geht darum, die Frage «wer bin ich, wer sind wir?» immer wieder neu zu stellen, in einem bewegenden, erschütternden, energetischen Austausch mit den Schauspielern auf der Bühne.
Theater und Demokratie wurden nicht zufällig zur selben Zeit im alten Athen erfunden, und Teil dieser Erfindung war das Theater für eine Stadt.
Das heißt nicht, dass ich gegen Projektförderung bin. Sie soll auch und verstärkt stattfinden. Ich finde es falsch, das gegeneinander auszuspielen und eine ideologische Diskussion zu führen. Allerdings bin ich gegen die Umwandlung von Stadttheatern in Produktionshäuser nach niederländischem Vorbild. Wenn ich nach Holland und Belgien blicke, sehe ich vor allem, wie viel Talent kaputtgegangen ist, wie viele Ideen verkümmert sind, weil die Strukturen fehlen, um Zuschauer an das Theater zu binden. Diese Bindung erfolgt immer über die Schauspieler, die Qualität ...
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Theater heute Jahrbuch 2014
Rubrik: Reale Utopien, Seite 10
von Stephan Kimmig
Vier Freundinnen, Mitte 20. Im grellen Saallicht trotten sie auf die Bühne. Blicken drein wie frisch verliebt in die Sinnkrise. Wadenlange Blümchenröcke. Blickdichte Strümpfe. Schlabber-Sweater, brutale Hornbrillen, Notfrisuren. Je ein Finger steckt in gut geleerten Wodkaflaschen. Je ein Erkenntnisrausch vernebelt das Gemüt: «Es sagt mir nichts, das sogenannte...
Schuhe aus Beton muss Fandra Fatale tragen, damit sie nicht den Boden unter den Füßen verliert und endlich ihr Leben meistern kann. Albert Wegelin erinnert an Hermann Melvilles Bartleby und sein «Ich möchte lieber nicht» und wird doch ohne sein Zutun plötzlich ein mutiger Wut-Bürger. Der fette Karl Klotz ist in eine schwerelose Seiltänzerin verliebt. Herr...
Aus zwei verschiedenen Richtungen – wie Wagen in zwei Fahrtrichtungen auf einer nächtlichen Landstraße, die sich für einen einzigen kurzen Moment begegnen und dann aneinander vorbeirauschen –, so laufen die Geschichten und Lebenswege in Christoph Nußbaumeders Stück «Das Fleischwerk» aufeinander zu. Sie streifen, verletzen und verlieren sich. Brutal sind sie alle,...
