Nürnberg Staatstheater: Sandhaufen Elend
Zwei Stunden sitzt die Schauspielerin Pauline Kästner fest; wie ein Häuflein Elend auf einem Sandhaufen in der Mitte der Bühne des Nürnberger Staatstheaters. Ihr Aktionsradius ist denkbar klein, Regisseur Andreas Kriegenburg hält sie an der kurzen Leine: Dieser Antigone gibt er keinerlei Chance einzugreifen. Sie mag sich winden, mag im Sand wühlen, Spuren suchen und verwischen – alles, was um sie und mit ihr geschieht, muss sie hilflos mitansehen. Immer ist sie präsent, als Mahnerin und Mahnmal – eine Pietà, freilich auf verlorenem Posten.
Man kann nicht sagen, dass dieser Antigone Kriegenburgs Sympathie gehört. Er stellt sie ab, und wie sie da unübersehbar im Mittelpunkt hockt und hockt und hockt, verkümmern ihr Schicksal und ihr ungeheures Anliegen gleich mit. Den Bruder, den Gegner, hat sie trotz strikten Verbots begraben, was es jetzt noch auszuhandeln gilt, betrifft in dieser Inszenierung weniger die Person des aufmüpfigen Mädchens als die Staatsräson. Also tigert Kreon (Michael Hochstrasser) wie ein Aufgestörter durch sein wackliges Reich und muss sich zuvörderst mit seinem Volk auseinandersetzen, das Entscheidung und Tatkraft von seinem Herrscher einfordert. Das ...
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Theater heute Dezember 2020
Rubrik: Chronik, Seite 53
von Bernd Noack
«und wenn die politik / durchs gesetz behindert wird / wenn fortschritt wenn / dem hausverstand durchs gesetz / die hände gebunden»?, sinniert Kreon einmal. «Hausverstand» ist laut Duden die österreichische Version des «gesunden Menschenverstands». Ob Haus- oder gesund, in jedem Fall ist dieser spezielle, meist eher eingeschränkte «Verstand» das zentrale Argument...
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Das Tal des Todesschattens, der über diesem Abend im Gorki Theater liegt, ist blendend weiß. Vier alarmbewehrte Stufen führen zum Spielfeld, das ein Vorfeld ist. Dahinter, versteckt hinter weißen Schnüren, liegt verschwommen eine Intensivstation, aus der Beatmungsgeräusche dringen (Bühne: Magda Willi). Wir sind im aerosolgesicherten Corona-Theater, und sein Hüter...
