München: Versuche über Versuche
Manchmal passt alles fast zu gut zusammen: ein rotgoldener Logentraum von einem Rokoko-Theater, ein Stück aus eben jener Epoche, in dem es um ein maliziöses Menschenexperiment über die geschlechtsspezifische Schuldverteilung am Sündenfall der Untreue geht, und ein begnadeter Puppenspieler unserer Tage. Der österreichische Tausendsassa Nikolaus Habjan hat im Cuvilliés, dem architektonischen Schmuckkästlein des Münchner Residenztheaters, «Der Streit» von Pierre Carlet de Marivaux inszeniert und sich dabei augenscheinlich Hals über Kopf in die galante Künstlichkeit des 18.
Jahrhunderts verliebt.
Zu Beginn müssen sich alle Besitzer von Parkettplätzen den Hals verrenken, um Hermiane, die grandios verhutzelte, klappmäulige Geliebte des Prinzen in der Königsloge zu bewundern. Geführt von ihrem jugendlichen Schöpfer Habjan vertritt sie im Streit mit ihrem Gefährten vorn auf der Bühne die moderne These, die angebliche Falschheit der Frauen sei doch vor allem als Resultat ihrer gesellschaftsbedingten Abhängigkeit zu sehen. Dass Oliver Nägele die lebensgroße, aber beinlose Prinzenpuppe bei diesem Disput quasi auf dem Arm hält, tut deren Autorität keinen Abbruch. Habjans Kreaturen sind ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute März 2018
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Silvia Stammen
In ihren Fäusten hält Olga je einen Holzscheit, und man weiß nicht, ob er ihr als Halt dient oder als Waffe für den Notfall. Oder ob er vielmehr einen Rest von Sicherheit repräsentiert, von Wärme und gesellschaftlicher Verankerung, um die Olga und ihre Familie so verzweifelt ringen in Kafkas schneeumtostem, von sozialer Kälte durchdrungenem Romanfragment «Das...
Eine Superposition bezeichnet in der Physik die Überlagerung gleicher physikalischer Größen, wobei sich jene nicht gegenseitig behindern. Was für den physikalisch durchschnittlich bewanderten Theaterbesucher mehr oder weniger unverständlich ist – man versteht vor allem, dass man nichts versteht. Dieses Nichtverstehen ist die Basis von Alexander Giesches theatraler...
Im schönsten alpinen Hochtal der Schweiz, im Engadin, hört man im Zug, wie weit der Schutz der Minderheiten gehen kann. Die Haltestellen der Rhätischen Bahn werden nicht nur Deutsch und Englisch, sondern auch Rätoromanisch angesagt, Letzteres in verschiedenen Regiolekten. «Fermada sin Dümonda» oder «sin Dumanda»: «Halt auf Verlangen» einmal in Scuol und einmal ab...
