Das Ensemble, Foto: Konrad Fersterer/Residenztheater München

München: Glück, Macht, Spiele

Molière «Tartuffe», Joël Pommerat «Kreise/Visionen»

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Das Streben nach Glück an sich ist naturgemäß nichts Verwerfliches, kann aber leicht zu Verwerfungen führen, wenn dabei die Interessen kollidieren. Molières berüchtigter Heuchler «Tartuffe» ist so gesehen nicht nur der abgefeimte Schurke, der sich im frömmlerischen Schafspelz in die Familie seines Gönners Orgon einschmeichelt, um dessen Weib und Wohlstand zu usurpieren.

In Mateja Koležniks Inszenierung am Münchner Residenztheater ist er vielmehr so etwas wie ein radikaler Glückssucher, der alles auf eine Karte setzt, um auch einmal irgendwo dazuzugehören, ein heimatloser Streuner, der genau weiß, dass ein Parasit da die größten Chancen hat, wo der Wirt bereits durch andere Einflüsse geschwächt ist.

Innerlich marode ist die Familie Orgon auch ohne sein Zutun, die Bindungen zwischen Generationen und Geschlechtern sind porös, Wünsche und Begierden liegen blank. Um das Beziehungsgeflecht von innen zu durchleuchten, erzählt Koležnik Molières Salonkomödie konsequent aus der Hintertreppenperspektive, zu der Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt ein raffiniertes Raumlabor entworfen hat. Wie bei einem zu Studienzwecken seitlich aufgeschnittenen Maulwurfsbau führen Stufengänge von links unten ...

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Theater heute Oktober 2017
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Silvia Stammen

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