Mehr Liebe!
Wenn Anne Habermehl das Unglück der Welt beschwört, gibt es kein Entrinnen. In «Letztes Territorium» wurde eine schwäbische Kleinfamilie dem sozialen Druck der Urlaubsbekanntschaft mit einem afrikanischen Bootsflüchtling ausgesetzt – mit naturgemäß fatalen Folgen für beide Seiten. In «Daddy» ist die Kleinfamilie schon in verstreute Bestandteile zerlegt, bevor alles anfängt.
Daddy Pit scheint als vermutlich alleinerziehender Vater eines Geschwisterpaares gründlich versagt zu haben.
Tochter Jenny ist Analphabetin, lebt zunächst vom Flaschensammeln, später hat sie einen Job als Pflegehelferin im Altenheim. Ihr Bruder Marco macht seinen Körper zu Kapital: als Stricher im Schwulenclub kommt er locker auf 500 Euro am Tag, wird aber gelegentlich von stürmischen Freiern zusammengeschlagen. Papa Pit – inzwischen arbeitslos und leicht verwahrlost – würde sich jetzt, wo es zu spät ist, gerne mehr um seine Kinder kümmern. Dabei schürft er schnell im Halbpoetischen, fabuliert zum Beispiel von einer «Pfuhlschnepfe». «Wildente» klingt im Vergleich noch stolz.
Apropos Ibsen und dessen bürgerfamiliäre Lebenslüge-Höllen: Es gibt noch den erfolgreichen Architekten Julian, verheiratet mit ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
In der ersten Szene von Tschechows «Die Möwe» erklärt der arme Dorflehrer Medwedenko der Tochter des Gutsverwalters, Mascha, zum vermutlich x-ten Mal seine große, aber leider völlig unerwiderte Liebe. Mascha weist ihn routiniert, aber freundlich ab. Mit dieser Szene springt Tschechow ansatzlos ins Stück, und sie ist in unzähligen «Möwe»-Inszenierungen als...
Markus Scheumann und Nadine Geyersbach, zwei der auffälligsten Akteure des Düsseldorfer Ensembles, spielen Kasimir und Karoline – und bleiben leider hinter ihren Möglichkeiten zurück. Beide begnügen sich mit infantilen Trotzgesten, Karoline hält sich an ihrem großen Teddybären fest, während Kasimir so steif und verkrampft über die Wies’n stolziert, als hätte er den...
Frontal, das war er, immer die Stirn bietend, was ja Offerte wie Offensive sein kann: wenn man sich widersetzt wie ein Stier oder wenn man seine Gedanken so ungeschützt zeigt, dass der andere dir eine vor den Kopf hauen kann. Jörg Hube hielt sich nie hinterm Berg, sein Zorn war tobend, sein Lachen knallend; immer war er mittendrin und immer auf dem Sprung,...
