Mehr Liebe!
Wenn Anne Habermehl das Unglück der Welt beschwört, gibt es kein Entrinnen. In «Letztes Territorium» wurde eine schwäbische Kleinfamilie dem sozialen Druck der Urlaubsbekanntschaft mit einem afrikanischen Bootsflüchtling ausgesetzt – mit naturgemäß fatalen Folgen für beide Seiten. In «Daddy» ist die Kleinfamilie schon in verstreute Bestandteile zerlegt, bevor alles anfängt.
Daddy Pit scheint als vermutlich alleinerziehender Vater eines Geschwisterpaares gründlich versagt zu haben.
Tochter Jenny ist Analphabetin, lebt zunächst vom Flaschensammeln, später hat sie einen Job als Pflegehelferin im Altenheim. Ihr Bruder Marco macht seinen Körper zu Kapital: als Stricher im Schwulenclub kommt er locker auf 500 Euro am Tag, wird aber gelegentlich von stürmischen Freiern zusammengeschlagen. Papa Pit – inzwischen arbeitslos und leicht verwahrlost – würde sich jetzt, wo es zu spät ist, gerne mehr um seine Kinder kümmern. Dabei schürft er schnell im Halbpoetischen, fabuliert zum Beispiel von einer «Pfuhlschnepfe». «Wildente» klingt im Vergleich noch stolz.
Apropos Ibsen und dessen bürgerfamiliäre Lebenslüge-Höllen: Es gibt noch den erfolgreichen Architekten Julian, verheiratet mit ...
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Die alte Milchfarm wirkt mit ihren rotgestrichenen Ställen wie aus einem Neuengland Bilderbuch, und der Broadway ist weit weg. 1994 richtete sich hier, im dünnbesiedelten Hügelland im Westen von Massachusetts, das «Double Edge Theatre» als Laboratorium ein. Stacy Klein hatte das Theater rund zehn Jahre zuvor in Boston als eine feministische Truppe gegründet, die...
Elegant schlägt die Frau im weißen Petticoatkleid und Pumps auf ihrem Stuhl sitzend die Beine übereinander. Ein Mann im dunklen Anzug steht etwas schüchtern vor ihr und versucht, ihr Komplimente zu machen. «Ein schönes Kleid haben sie da», sagt der Mann. «Dankeschön», erwidert die Frau. Doch jetzt verschlägt es ihm die Sprache. Er weiß nicht weiter, woraufhin ihm...
1978 «Leonce und Lena», Büchner, Volksbühne Berlin
«Mein Herr, was wollen Sie von mir?» Ein schlaksiger junger Mann im hellen, heruntergekommenen Anzug, die Melone tief ins Gesicht gezogen, hat die Bühne betreten. Auf der leeren, öden Szene, von einer schäbigen Treppe gebildet, die sich im Orchestergraben verliert, ein einsamer Stuhl. Aus einer 08/15-Aktentasche...
