Manische Narzissten
Malerisch prangt der Mond über der hohen Steinmauer, die am Ende der Bühne jeglichen Ausweg zu verweigern scheint. Blaues Licht taucht den Raum in Melancholie. In einer Ecke verheißt eine pinke Leuchtschrift «Illyrien» und erinnert mit Flügel und Pianist an eine Bar. Eine verwaiste Badewanne trägt die Aufschrift «No Veritas», tote Gleise führen ins Nichts (Bühne: Gralf-Edzard Habben). Am Rande dieses märchenhaften Ortes sitzen die Schau–spieler in geringelten Pullovern, rote Plastikeimer über die Köpfe gestülpt.
Schiffbrüchige? Gefangene? Spielfiguren? In jedem Fall Identitätslose, die erst zu eigenem Leben erwachen, als sie sich ihr Kostüm überziehen.
Karin Neuhäuser potenziert in ihrer farbenprächtigen (selbst das Säufertrio kotzt mehrfarbig), derb-komischen Inszenierung von «Was ihr wollt» den Hang zur Selbst–inszenierung der verwirrt-verliebten Figuren. Während bei Shakespeare der Geschlechter-tausch der schiffbrüchigen Viola die Liebeswirrungen auslöst, setzt sich hier jeder permanent für sein imaginiertes Gegenüber in Szene – sich selbst wie den anderen dabei gnadenlos verkennend. Die bunte Gruppe der sich manisch selbst entwerfenden Narzissten trifft den modernen Menschen ...
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Theater heute Dezember 2011
Rubrik: CHRONIK, Seite 50
von Natalie Bloch
Wie lässt sich die Ilias mit heutigen Kriegen verbinden? Über den Kriegsanlass wohl kaum: Selbst wenn man Michelle Obama oder Carla Bruni die Attraktivität einer schönen Helena
zusprechen würde, dürfte keiner der beiden staatenlenkenden Ehegatten wegen der Entführung seiner Frau sämtliche Verbündeten mobilisieren können für einen gnadenlosen Eroberungskrieg gegen...
An einem verregneten Sommerabend Ende der neunziger Jahre kehrte dieser heimatlose Odysseus nach München zurück – nicht an eines der beiden großen Bühnengestade dies- und jenseits der Maximilianstraße, an denen Heinz Bennent in den siebziger und achtziger Jahren der hellste und fernste Stern gewesen war: am Residenztheater als Ingmar Bergmans Andersen in Per Olov...
Dieser Klytaimestra ist jeder Zweifel fremd. Wenn Susann Thiede mit frisch bürolackierten Fingernägeln und dem Charme einer Politkommissarin ihren Gattenmord rechtfertigt, müsste jedes Hinrichtungskommando vor Schreck die Waffen strecken. Nicht so Orest, bei Arndt Wille ein ebenso blass verschreckter wie augenrollend erleuchteter Vaterrächer, der sein Schwert...
