Mainz
Ja, die Zeit. Sie ist schon ein bisschen stur, wie sie so unverdrossen immer nur in eine Richtung voranschreitet und gar keine Wiederholung zulässt. So lautet der Tenor von Elfriede Jelineks Stück, das sich einmal mehr als widerständige Textmasse gibt, sich auf Schuberts «Winterreise» bezieht und ein Triptychon mit persönlichen Tönen ist: Zuerst geht es um die Zeit an sich und all die Unwägbarkeiten, die dieser bittere Vogel mit sich führt.
Im zweiten Teil steht Natascha Kampusch im Zentrum, die als Mädchen von einem Mann verschleppt wurde und im Gefängnis ihres Peinigers ein ganz besonderes Verhältnis zur Zeit gehabt haben dürfte. Den Schluss bildet ein Monolog, den Jelinek ihrem Vater widmet und der die vermaledeite Endlichkeit im Blick hat.
Nach der Uraufführung durch Johan Simons in der letzten Spielzeit gehört die «Winterreise» zu den Nachspielstücken der Saison. In Mainz stieg Jan Philipp Gloger in den Ring, der demnächst in Bayreuth Richard Wagners «Der fliegende Holländer» inszeniert und seit dieser Spielzeit leitender Regisseur am Staatsschauspiel ist. Besetzt hat er Jelineks wortspielerische Textfläche mit vier Schauspielerinnen und einem Konzertflügel. Die ...
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Theater heute März 2012
Rubrik: Chronik, Seite 51
von Jürgen Berger
Am 22. Mai 1963 wurde der linke Oppositionspolitiker Grigoris Lambrakis in Thessaloniki auf offener Straße von einem Motorrad angefahren und getötet. Vier Jahre nach dem Attentat übernahm die Militär-Junta die Macht in Griechenland. Inzwischen herrscht längst wieder Demokratie in dem Land, das sie bekanntlich erfunden hat, viele Straßen in der Innenstadt wurden in...
Gelächter gleich in der ersten Minute. Eine Horde drolliger Insassen von irgendwas lümmelt auf Kinderstühlen, getriezt von einer ruppig-patenten Kommandeuse in Schuluniform und Pumuckl-Perücke – nicht gerade das, worauf man bei Sarah Kane gefasst ist. Und doch hat dieser mutwillig-regressive Schabernack, den Johan Simons da auf fast leerer Bühne der Münchner...
Das Thalia Theater hatte mich gebeten, für Helmut Schmidt ein Stück zu spielen. Ganz privat, in seinem Haus in Langenhorn. «Welches Stück? In was für einem Raum?», fragte ich. «Eines von deinen Solo-Programmen. In seinem Wohnzimmer. Dreißig Minuten Zeit für die Einrichtung.» Gut, dachte ich, dann machen wir «Amerika» von Kafka.
Das Vorhaben schien unwirklich, doch...
