Likörchen?

nach Rainer Werner Fassbinder «Die Ehe der Maria Braun»

Theater heute - Logo

In der Zigarrenraucherrepublik: Noch bevor das Publikum die Lübecker Kammerspiele betritt, pafft Astrid Färber schon am Bühnenrand, lallt und kichert übertrieben laut, ein, zwei Likörchen dürfte sie sich schon genehmigt haben. Das gerade vor dem Sprung an größere Häuser stehende Regieduo Mirja Biel/Joerg Zboralski hat sich entschieden, Fassbinders «Die Ehe der Maria Braun» von hinten aufzuzäumen: Färber spielt die ältere Maria Braun, die im Wirtschaftswunder­deutschland zu Wohlstand gekommen ist, die allerdings auch moralisch wie ästhetisch derangiert daher kommt.

Die Inszenierung macht so schon vor Beginn klar, dass es ihr nicht darum geht, das Filmmelodram chronologisch nachzuerzählen, überhaupt: Diese Maria Braun ist keine historische Ausgeburt von Krieg und Nachkriegszeit, stattdessen bläst sie dem Publikum Rauch ins Gesicht, angetrunken an der Rampe.

Diese «Ehe der Maria Braun» funktioniert so als Spiel mit zeitlichen Zuschreibungen: Ja, die Handlung spielt weitgehend in den Fünfzigern, und damit das auch jeder versteht, wird die jeweilige Jahreszahl immer wieder eingeblendet. Die Bühne aber stellt einen Nicht-Ort dar, mit Drehbühne, Projektionswand und Musikecke, jenseits ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Oktober 2013
Rubrik: Chronik: Lübeck, Seite 59
von Falk Schreiber

Weitere Beiträge
Bayreuth is (not) burning

In Bayreuth ist auch der Zuschauer anschauenswerth, es ist kein Zweifel», schreibt Friedrich Nietzsche 1876. Er wirft damit kein parodistisches Licht auf das Publikum, das überlässt Nietzsche der «sehr unmagischen Laterne unserer witzelnden Zeitungsschreiber». Nein, der Denker betont die Exzentrik der Veranstaltung, um nicht nur die Kunst, sondern auch das Publikum...

Pläne der Redaktion

Danton oder Robespierre? Oder beide? Oder keiner von beiden? «Danton»-Inszenierungen müssen sich entscheiden. Der Münchner Theater-des-Jahres-Chef Johan Simons auch.

 

Es gibt viele Wörter für das Wir. «Kollektiv», «Schwarm», «Multitude» oder einfach Gemeinschaft. Neueste Lesefrüchte und entsprechende Bühnen­erfahrungen (rechts: «Retrospective» von Xavier Le Roy)...

Asyl im Karree

Im eigenen Staat verfolgt, im Zufluchtsland missachtet – wer als Aussiedler in die Bastion Europa vordringt, wird auch dort allzu oft zu einem Grenzgänger am Rand der Gesellschaft. Dass Asylbewerber just auf dem Münchner Rindermarkt ihren Unmut mit Hungerstreik kundtaten, gibt der Uraufführung des preisgekrönten Stückes «Am falschen Ort» am Badischen Staatstheater...